Burnout als Reaktion des gescheiterten Narzissten

13. März, 2017

wenn alles schwimmt Burnout

Narzissten sind wir alle, behauptet der Gerichtspsychiater und Autor Reinhard Haller im Gespräch mit dem Tages-Anzeiger vom 18.5.2013 und deutet an, dass die narzisstische Art und Weise in der Wirtschaft beim Kampf um die höheren Positionen im Unternehmen sehr von Vorteil sei. Viel Show und wenig Substanz ist die fast unumgängliche Schlussfolgerung. Aber sind alle Narzissten farbige «Luftballone»? Kaum, denn wenn die Aussage Reinhard Hallers stimmt, dann müsste es zahlreiche burleske, verdeckte, unscheinbare, graue Narzissten geben, sagt er doch unter anderem: «Narzissmus hat viele Gesichter. Es gibt sozial sehr angepasste Menschen, die ihn in einer Nische mit enormer Expertise [Spezialistenwissen]ausleben. . Andere tarnen sich als Weltmeister der Bescheidenheit.» Das sagt aber auch, dass wir nicht nur die spektakulären Abstürze von Narzissten aus höchsten Positionen in Politik und Wirtschaft erleben, sondern auch das Scheitern von «bescheidenen» Narzissten, die plötzlich unter Druck geraten und ihre Besonderheit nicht mehr als wichtig und unverzichtbar erleben müssen. Dies kann die Folge von neuen Techniken, neuen Organisationsformen oder -strukturen und neuer Arbeitsprozesse sein. Tatsache ist, dass die betroffenen Narzissten sich zuerst mit allen Mitteln an ihre Position und ihre «Unentbehrlichkeit» klammern, aufgrund dumpfer Verlustangst umtriebige Aktivitäten entfalten und schliesslich in einem unübersehbaren Arbeitschaos scheitern. Ihre Neupositionierung im Betrieb misslingt, sie werden zu Störfaktoren und bekommen dies auch zu spüren. Das Burnout ist geboren. Burnout als Reaktion auf narzisstisches Scheitern, denn wesentliche Elemente der narzisstischen Existenz wie aufgesogene und fast suchtmässig geschlürfte Bewunderung und eine hintergründige «Selbst-Sucht» lösen sich in Nichts auf. Damit kann das verdrängte Misstrauen des Narzissten, nämlich nicht um seiner Selbst willen geliebt zu werden, als Burnout mit vielfältiger psychosomatischer Mischung zum Vorschein kommen. Das heisst, dass der psychische Komplex des Burnout zwar ein narzisstisches Scheitern ist, aber eigentlich die reaktive Antwort einer Akzeptationsneurose darstellt. Aus vielen individuellen Gründen gilt es für den Narzissten diese zu verhindern, so dass das Burnout zusätzlich eine Abwehrfunktion gegen die Neurose wahrnimmt, d.h. schicksalsanalytisch als eine Ich-Abwehr in Form der Negation installiert wird. Damit trifft der Betroffene zwei Fliegen auf einen Schlag: er wehrt erstens mit dem Bündel von sozial anerkannten Burnoutsymptomen das Gefühl des Versagens und der eigenen Nichtigkeit ab und kann sich der sozial anerkannten «Krankheit» widmen und zweitens negiert er durch seinen Krankheitsprozess das untergründige narzisstische Aufbegehren. Triebpsychologisch im Sinne der Schicksalsanalyse wird dies ersichtlich in dem sich das Abwehr-Ich als Sch – – in den Vordergrund schiebt und das narzisstische Triebbedürfnis als Sch ++ als Hintergänger weiter lebt. Burnout als Abwehr des gescheiterten Narzissten gegen ein Aufbrechen der Akzeptationsneurose und – noch gefürchteter – gegen die von der Neurose weggeschlossenen existenziellen Enttäuschungen des kleinen Kindes, nämlich nicht angenommen und nicht geliebt zu werden. Dem daraus resultierenden fragilen Selbstwertgefühl droht ohne neurotische Barriere der permanente Zusammenbruch. Der psycho-funktionale Narzissmus (wie wir ihn in Abgrenzung zum genuinen Narzissmus bezeichnen) ist die positive Antwort auf die lauernde Akzeptationsneurose. Burnout der Zusammenbruch dieses existenziellen Versuchs der Selbstwertstabilisierung. Soweit eine Hypothese zum grassierenden Burnout. Dabei sei ausdrücklich betont, dass damit die gesellschaftlichen Faktoren zum Aufbau des narzisstischen Verhaltens in keiner Weise verniedlicht werden sollen, ganz im Gegenteil: die heutigen Produktionsverhältnisse in der Wirtschaft und die grassierende «Pseudo-Individualisierung» sind wesentlich an der herrschenden Vielfalt von narzisstischen Verhaltensweisen beteiligt. Damit dürfte sich eine dritte Erscheinung von Narzissmus, nämlich ein aus sozio-ökonomische Verhältnissen entstandener Ich-Triebnarzissmus installiert haben. Diese These wäre auf jeden Fall einer weiteren Prüfung wert.

Alois Altenweger
Buch zum Thema: «Die Narzissmusfalle – Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis»
Ecowin-Verlag, Fr. 31.40

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