Ich

«Der Geburt des Ichs ist gleichsam die Geburt der Seele. Und noch mehr: Sie ist die Geburt des Menschseins überhaupt – im Gegensatz zum Tiersein.
Das Ich ist Träger der Einzelseele und der Überträger der ganzen archaischen Erbschaft. Es ist der Schöpfer der Religion, von Dichtung und Kunst, Wissenschaft und Technik; der Erzeuger der Kultur und Zivilisation.
Die Geburt des Ichs ist aber auch die Urgefahr für die Einzelseele selbst und für die Menschheit überhaupt. Die Schicksalspsychologie spricht von einer Ich-Gefahr sowohl im Schicksal des Einzelnen wie auch in dem der Gemeinschaft.
Nur weil der Mensch ein Ich hat, ist es möglich, dass der Einzelmensch dieses Ich zu einem Kerker umbaut, zu einem Betonbunker hohler Ich-Bezogenheit, in dem er sich – wie eine Schnecke – verkriecht und in dem er seine Seele allmählich verdorren und verkrusten lässt. Die Seele liegt im Ich wie in einem Mumiensarg.
Nur weil der Mensch ein Ich hat, ist es möglich, dass er seine Alltags-Ichheit zu einer Ich-Hoheit, zu «Seiner Majestät» dem Ich aufzublasen und sich als Herrscher oder Führer, als Gott oder sein Prophet über die Mitmenschen und die Welt zu erheben wagt. Die Seele sitzt im Ich wie in einem Thronsaal.
Nur weil der Mensch ein Ich hat, ist es möglich, dass er mit diesem Ich seine dunkle Umwelt, sein Schattenreich in die sonnige Landschaft der Aussenwelt hinaus zu verlegen und Mal zu Mal grausige Sonnenfinsternisse zu veranstalten vermag. Die Seele erlebt ihren Schatten. (Ich-Analyse, S. 113)