Kain

«Kain regiert die Welt.
Dem Zweifler raten wir, die Weltgeschichte zu lesen. Der Historiker macht kein Hehl daraus, dass das Wesen der Weltgeschichte der Kampf ist.
Der Schicksalsanalytiker sagt: Das Gros der Weltgeschichte macht die ewig wiederkehrende Gestalt Kains aus.
Der Historiker stellt fest, dass die Weltgeschichte nicht die Verwirklichung eines ständigen Fortschreitens vom Niedrigen zum Höheren, vom Schlechteren zum Besseren, von der Knechtschaft zur Freiheit ist. Er ist der Meinung, dass die Weltgeschichte vielmehr eine Kurve von grausamer Gewundenheit darstellt. Auf die Vollendung folgt unmittelbar der Absturz. Die Weltgeschichte registriert, wenn Propheten und Heilige, Tribunen und Missionare vom Volke gekreuzigt oder verbrannt werden. (…) Und wie häufig wurde ‘die Blüte [der Jugend] und die Hoffnung des Lebens dem Ehrgeiz, der Eifersucht und der Eitelkeit geopfert’ (V. Valentin, Weltgeschichte). So spricht der Historiker.
Ehrgeiz, Eifersucht, Eitelkeit eignen aber dem Kain. Nicht Gott, sondern Kain namens Mensch manifestiert sich in der Weltgeschichte. So denkt der Schicksalspsychologe. Jedwelcher Unterschied unter den Menschen – und sei er noch so gering – genügt, um den ewigen Kain zu wecken.
Nach tausend und abermals tausend Jahren hat der Kain an seiner Werktätigkeit, dem Töten, nichts eingebüsst. Alles ist beim ‘Brudermord’ geblieben. Etwa so, wie es die Tiefenseele in der biblischen Sage bereits an den Anfang der Weltgeschichte gesetzt hat. Nur die Waffen haben sich verändert. Die Gesinnung des Bruders ist die nämliche geblieben. (…)
Die tötende Gesinnung Kains ist äusserst erfinderisch. Sie fand in der Weltgeschichte immerfort neue Ziele und neue Motive zum Töten. Kain ist aber nicht nur der Träger tötender Gesinnung. Er staut nicht nur Wut und Hass, Zorn und Rache, Neid und Eifersucht, die er dann plötzlich explosionsartig entlädt, in sich auf, Kain drängt auch grenzenlos nach Geltung. Alles was Wert hat, will er in Besitz nehmen und seine Macht im Haben und Sein masslos vermehren.
Diese Züge sind die die kainitische Grundstruktur bestimmenden Funktionen. Die sogenannte ‘Zivilisation’ und ‘Kultur’ zwang aber den Kain, ein Arsenal von Tarnungstechniken zu entwickeln. Mit lügnerischer Anschuldigung, Verleumdung, Anschwärzung anderer beherrscht Kain die Welt. Das nennt er Politik und Diplomatie.
So wirken die Starken. Die Schwachen erliegen dem inneren Gewissen und werden neurotisch oder psychotisch.
Nur selten treten Gestalten auf die Weltbühne, die den Kain wiedergutmachen wollen, meistens, nachdem sie selber kainitisch gehandelt haben. Diese Gegenfüssler Kains bringen das Gesetz gegen das Töten. Wir nennen sie symbolisch ‘Moses’-Gestalten. Sie sind die Gesetzgeber in der Religion, im Staat, in Kunst und Wissenschaft. (….)
Die Schicksalsanalyse stellt den Kain in den Mittelpunkt des menschlichen Daseins. Er regiert den Einzelnen von der Wiege bis zum Grabe und die Welt von der Steinzeit bis ins Atomzeitalter und noch weiter in Zeiten, die folgen werden.» (Zürich, März 1968, L. Szondi, Vorwort des Buches «Kain, Gestalten des Bösen», Verlag Hans Huber Bern, 1969)