Traumtheorie (Teil 2)

Durch die Zweiteilung der seelischen Ganzheit (siehe Text “Seele Teil 1″) wird verständlich, dass einem bestimmten Vordergänger ein ganz bestimmter Hintergänger zugehört. Für die Traumdeutung folgt aus diesem Satz, dass der wache Vordergänger die Natur, d.h. die Wünsche, Geschehnisse, die Erlebnisse des Hintergängers im Traum bestimmt.

Der wache Vordergänger wählt also die Traumbilder, in denen sich der Hintergänger im Traum manifestiert.
Der wache Vordergänger – obzwar er als Regisseur des Theaters fungiert, in dem der Hintergänger der agierende Schauspieler ist – übernimmt im Traum nur die Rolle des Zuschauers, des Begleiters, des Beobachters, des Mitreisenden, des Chors, des Kritikers, des Publikums.
Ein Traum ist demnach ich-analytisch nur dann völlig und richtig erfasst und auch gedeutet, wenn wir festgestellt haben, welche Inhalte des Traumes dem Vordergänger und welche dem Hintergänger zugewiesen werden können. Zum Schluss einer Traumdeutung muss stets auch das finale Moment, also die Zielsetzung einer Integration herausgearbeitet werden. Gelingt dies, so ist der Traum ich-psychologisch zu Ende gedeutet.
Zur Frage der Gleichheit und Ungleichheit der Träume wurde [von Leopold Szondi]folgendes festgestellt: Wäre der wache Vordergänger immerfort der gleiche, so müsste er im Träumen stets dem nämlichen, ihn ergänzenden Hintergänger begegnen und mit ihm zusammen die ursprüngliche Ganzheit – wenigstens in der Jenseitigkeit des Träumens – wiederherzustellen. Dies ist aber selten der Fall, und wenn doch, so eben bei den “wiederkehrenden” Träumen. Der wache Vordergänger – als Vorder-Ich – verwandelt sich zumeist in seiner Existenzform. Darum muss sich im Sinne der komplementären Trieb- und Ich-Schicksalstheorie auch der Hintergänger immerfort verwandeln. Damit aber verwandeln sich die Traumgeschehnisse von einer Nacht auf die andere. Aus jedem Traum erwacht der Mensch, und da das wache Ich von dem voraufgegangenen Traum stets beeinflusst wird, kann sich der wache Vordergänger sogar im Laufe einer Nacht verwandeln. Die Folge davon ist die bekannte Tatsache, dass der Mensch in derselben Nacht verschiedene Täume zu erzeugen vermag.
Leopold Szondi, Ich-Analyse, S.507