Traumtheorie (Teil 3)

Als leitendes Gesetz müssen wir für den Traumdeuter den Tatbestand betonen, dass das wache Ich primordial die Ich-Existenz des anderen, des Hintergänger-Ichs bestimmt und somit die Traumgeschehnisse primär bedingt.

Wir dürfen aber nie vergessen, dass hier ein Circulus vitiosus vorzufinden ist, indem das Hinter-Ich, welchem das wache Ich im Traume begegnet, den Vordergänger – nach dem Erwachen – zu verändern vermag und somit im nächsten Traum einem ganz anderen Hinter-Ich (Traum-Ich) begegnen kann.

Die Integrationsmöglichkeit von persönlichen, familiären und kollektiven Existenzen ist fast in jedem Traum dadurch gegeben, dass der abgespaltene Hintergänger historisch der Träger von persönlichen, familiären und kollektiven Ansprüchen, Erlebnissen und Vorstellungen ist. Der Hintergänger ist ja u.E. der Träger des kollektiv-archaischen Erbguts der Menschheit, der Träger der familiären Ahnenfiguren und auch der Träger aller verdrängten Wünsche und Vorstellungen der Person.

Die kollektiven, familiären und persönlichen Elemente sind aber im Hintergänger nicht schichtweise niedergelegt, sondern sie stellen “Funktionsverbände” im Hintergänger dar, welche miteinander innig und unzertrennlich verwoben sind. Die Schicksalspsychologie ist der Meinung, dass fast in jedem Traumgebilde kollektive, familiäre und persönliche Elemente innig verwoben aufzufinden sind.
Wie das Unbewusste im allgemeinen, so spricht auch der Traum im besonderen drei Sprachen: Die Symbolsprache des kollektiven, die Wahlsprache, d.h. die Erbsymptomsprache des familiären und die Triebsymtomsprache des persönlich-verdrängten Unbewussten.
Die Schicksalspsychologie nimmt an, dass die Traumbilder von dem in die Jenseitigkeit reisenden, transzendierenden wachen Vordergänger Nacht für Nacht “gewählt” werden und der abgespaltene Hintergänger stets diejenige Sprache spricht, die der historischen “Landschaft” entspricht, welche der wache Vordergänger für diese Nachtreise “ausgewählt” hat.
Wählt der wache Vordergänger ein kollektives Erlebnis, so spricht der Hintergänger als Akteur die Symbolsprache der Archetypenwelt.
Wählt das wache Vorder-Ich das familiäre Unbewusste (Ubw) für die Landschaft, die es in dieser Nacht aufsucht, so muss der Akteur die familiäre Erbkrankheitssprache sprechen und die familiären Krankheitssymptome eines kranken Ahnen, z.B. den epileptischen oder den paranoiden Anfall, auf der Traumbühne aufführen, den Amokläufer, den Mörder oder Einbrecher spielen.
Wählt aber das wache Vorder-Ich die persönlich verdrängte Wunschwelt seiner eigenen Vergangenheit, so muss der Hintergänger im Traum eine Triebsprache sprechen und die verdrängten Triebansprüche befriedigen. In demselben Traum kann aber das Ich alle drei Sprachen des Ubw sprechen.

Ein Traum muss somit stets dreidimensional gedeutet werden.
Erstens: auf Grund des persönlich-verdrängten Inhalts (bei Szondi “Ubw” statt “Inhalt”, was nicht korrekt ist), also nach der Wunscherfüllungstheorie Freuds;
Zweitens: auf Grund des Inhalts des familiären Ubw, d.h. nach der Ahnenwahltheorie der Schicksalspsychologie;
Drittens: auf Grund des Inhalts des kollektiven Ubw, also nach der Kompensationstheorie Jungs oder der prospektiv-finalen Traumtheorie von A. Maeder und H. Silberer.

Leopold Szondi, Ich-Analyse, S.508f.