Im 20. Jahrhundert: Vieles begann mit Freud

13. März, 2017

Es ist die Erforschung des Verdrängten, die Eric Kandel in seinem prächtigen Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“  nachzeichnet, nicht des Unbewussten, was von Literatur und Kunst im Wien um 1900 geleistet wurde, wie Kandel im Untertitel ankündigt. So gesehen, zeigen sich nur formale Parallelen zu Freuds Arbeiten, keine inhaltlichen.  Das Buch ist ein reichhaltiger Rückblick auf die Kunst und Tiefenpsychologie  in den Anfängen des letzten Jahrhunderts und vertieft eine  Präsentation von wissenschaftlichen und künstlerischen tätigen Ausnahmegestalten im alten Österreich um schliesslich  eine Fülle neurophysiologischer Erkenntnisse  der jüngsten Zeit auszubreiten.

Eric Kandels Darstellung erstreckt sich auf die künstlerisch-psychologische Szene um 1900 in Wien  bis zur Erforschung von Gehirnfunktionen im ganzen 20. Jahrhundert. Das Buch ist ein grosses Gemälde der Forschung über Denken, Erkennen und Erinnern wobei die Schilderung der Komplexität der Hirnarbeit  beim Verarbeiten von visuellen  Impulsen von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Malerei des letzten Jahrhunderts umschlungen wird. Unbestreitbar spannend sind die sehr aufschlussreichen Darstellungen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, eben Kandels ureigenstes Forschungsgebiet.

Der Autor behandelt sehr ausführlich die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse und geht auch materiell sowohl kritisch wie tiefschürfend auf Freuds Erkenntnisweg ein.  Dabei streicht Kandel immer wieder heraus, wie irrig Freuds biologisch-neurologischen Ansätze gewesen seien, aber doch – man spürt ein Bedauern – eine Plausibilität im Rahmen der psychoanalytischen Umformung erreichten. Wie auch immer, die spannende Entwicklungsgeschichte psychoanalytischer Ideen ist dem Autor sehr fesselnd geraten, wobei  die fast beschämende Tatsache, dass Freud erstens die weiblichen Sexualität nur mit Mühe erfasste und zweitens als zweitrangig abstempelte, vom Autor speziell hervorgehoben wird. Da muss der grosse Freud Federn lassen…

Maldidaktische Erörterungen beispielsweise zur holländischen und italienischen Malerei im 16. Und 17. Jahrhundert lesen sich interessant,  schaffen eine «differentialdiagnostische»  Einsicht in das Wesen der Malerei, Fakten, die man sich sonst bei Google zusammensuchen müsste. Hintergrund zum Thema bildet die Ent-Objektivierung der Kunst, des Kunstwerks und des künstlerischen Ausdrucks.  Die Schlussfolgerung des fundamentalen Wandels künstlerischer Werke: Der Betrachter eines Kunstwerks wird in dieses involviert. Da liegt auch nach Kandel ein Brückenschlag zur Psychoanalyse, in der entgegen des üblichen Settings von wissendem Arzt mit seinem Objekt „Patient“, der letztere mit seinem Reden und Assoziieren dem Analytiker im Selbstheilungsprozess beisteht.  Der Bildbetrachter und der Patient sind nicht mehr «Aussenherumstehende»  sondern wesentlich der Mittelpunkt des Geschehens. Das Bild bzw. der Therapeut vermitteln keine Botschaft mehr die gläubig angenommen wird, sondern sie erarbeiten bildbetrachtend den Sinn oder die fehlende Sinnhaftigkeit des Kunstwerkes bzw.  der analytischen Vorgaben.

Am Beispiel der Maler Kokoschka und Schiele zeigt der Autor, in Aufbruchzeit  um 1900 das künstlerische Wien gewesen ist: eindrücklich werden die Maler in ihren persönlichen Entwicklungs- und Lebensumständen «gemalt», wird ihre höchst unbürgerliche  Lebensart und ihr spontan-umwälzender Lebensstil  sowie der Einfluss ihrer Ehefrauen, Freundinnen und Geliebten geschildert. Es schon etwas besonderes um 1900 gewesen sein: Freud publizierte seine „Traumdeutung“ , Max Planck schuf die Grundlage der Quantenphysik, Thomas Mann schloss seinen Roman „Buddenbrooks“ ab und Einstein wurde in Zürich Schweizer Bürger.

Bemerkenswert sind die umfangreichen wissenschaftlichen Einschübe, welche die Kunstbetrachtungen unterbrechen. So lernt man beispielsweise sehr viel über die Funktion des Auges und der entsprechenden neurophysiologischen  Organisation des Sehens. Souverän und fundiert dargestellt, aber in der präsentierten fachlichen Breite kaum zu erwarten, es sei denn, man kenne den Autor von seinen Facharbeiten her, wie beispielsweise das sehr instruktive Buch «Auf der Suche nach dem Gedächtnis».  Dem Autor gelingt es, auch trockene wissenschaftliche Schilderungen mit instruktiven Grafiken und dem Einbezug von farbigen Drucken von Bildern bekannter Künstler – vom Mittelalter bis in die Neuzeit –  sehr illustrativ aufzulockern.

Fraglich ist, ob die Zusammenfügung von Kunstbetrachtung, Wiener Moderne und Neurophysiologie rundum eine innere Logik aufweist, doch wenn man über dieses eher formale Problem hinweg sieht, geniesst man ein spannendes Buch, bei dessen Lektüre man dem Autor nur Respekt zollen kann. Und schliesslich hat das Buch noch eine eminent praktische Seite:  es ist zwar über 700 Seiten stark, aber es kann locker à la Carte gelesen werden, ein Zwang, die Kapitel schön der Reihe nach zu lesen ergibt sich nicht.  (alt)

Titel:     Das Zeitalter der Erkenntnis

Untertitel:  Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute

Autor:   Eric Kandel

Verlag:   Siedler, München 2012

ISBN:     978-3-88680-945-5

Preis:    Fr. 59.90

 

Der Neurowissenschaftler Eric Kandel (*7. 11.1929) gilt als einer der bedeutendsten Erforscher neurologischer Vorgänge hinter alltäglichen Gehirnleistungen der Menschen. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet. Der gebürtige Wiener interessiert sich besonders für die dunkle Seite der Seele, er begründet dies mit seinen Erfahrungen im Herbst 1938, als er und seine Eltern – Kandels sind Juden – aus ihrer Wohnung vertrieben wurden. Kurz darauf emigrierte die Familie in die USA. Erst jetzt, im Alter von 82 Jahren, schließt Kandel Frieden mit seiner Geburtsstadt. . In seinem neuen Buch bewundert er die großen Künstler Wiens und entwirft die Vision einer neuen Wissenschaft, die das Rätsel der Kreativität entschlüsselt.

 

Ein weiteres empfehlenswertes Buch von Eric Kandel:

ISBN-10:3-518-29460-1

Verlag:            Suhrkamp Verlag, Berlin 2012

Taschenbuch

Preis: Fr. 27.90

 

Dem Nobelpreisträger Eric Kandel gebührt das Verdienst, das bis dahin gänzlich unerkundete Gebiet der Beziehungen zwischen Neurobiologie und Psychoanalyse erschlossen zu haben. Heute ist es eines der spannendsten und zugleich innovativsten Felder der Wissenschaften überhaupt. Die vorliegende Sammlung von Aufsätzen Eric Kandels lädt den Leser zu “einer der wichtigsten, bedeutsamsten und aufregendsten Forschungsreisen unserer Zeit ein” (Stuart C. Yudofsky) – zu einer Erkundung der Funktionsweise des menschlichen Gehirns und der Möglichkeiten, durch die Psychoanalyse und die Psychiatrie auf diese Einfluß zu nehmen. Der Band, den der Protagonist der deutschen Hirnforschungsdebatte, Gerhard Roth, einleitet und der mit einer sehr persönlichen Einführung Eric Kandels beginnt, bietet einen konzisen Überblick dieser Revolution der psychiatrischen Forschung. (Suhrkamp Lektorat)

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