Was man hat, das hat man

19. Oktober, 2017

“Nur ja keine Verluste”, schreibt Hansueli Schöchli in der NZZ vom 6. Oktober. Recht hat er, obwohl er seufzend feststellt, dass diese Verlustangst im politischen Bereich – so Schöchlis These – zu einer Versteinerung einmal gewährter Privilegien führt. Ja, keine Verluste, denn Besitz wird erarbeitet, erworben, erstritten, erkämpft, erschlichen und ergaunert. Vor allem: Besitz will man behalten, denn neben den materiellen Vorteilen die sich aus Besitz erzielen lassen, ist Besitz eine Art Geborgenheit, die wiederum der Selbsterhaltung dient. Daher ist es nicht unverständlich, dass mann/frau zäh und störrisch am Besitz festhält. Ändern soll sich dabei so wenig wie möglich; darauf ist das ganze Trieb- und Sozialleben des Menschen eingestellt. So stellt Schöchli fest, “dass das ‘Festhalten am Bestehenden’ unter gewissen Umständen evolutionäre Vorteile hatte, weil dies die Wahrscheinlichkeit des Aussterbens der eigenen genetischen Linie verringert.” In der schicksalsanalytischen Trieb- und Bedürfnispsychologie ist diese Angst vor dem Aussterben ein wesentlicher Grund für die Stabilität des menschlichen Triebsystems und der daraus abgeleiteten Bedürfnisrealisierungen. Da gibt’s nichts Neues unter der Sonne. Schön zeigt sich dies darin, dass uns beispielsweise biblische Schilderungen menschlicher Taten und Untaten sehr vertraut anmuten. Die Triebstruktur ist genetisch bedingt, und da treffen wir wieder Schöchli, der mutmasst, dass die Verlustangst bzw.-aversion sich aus einem “Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt” ergebe. Im Übrigen hat uns die Neurologie noch weitere Erkenntnisse zu Besitzverlust und Verlustaversion geliefert, so schreibt Gerhard Roth in seinem Buch “Aus der Sicht des Gehirns” (S. 176) zum sog. “Besitztumseffekt”, “dass Menschen dazu tendieren, dasjenige, was sie besitzen, in seinem Wert höher einzuschätzen als das, was sie durch Änderung ihres Handelns erreichen könnten, (…).” Ferner: “Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Furcht vor dem Risiko und die Genugtuung beim ‘Weitermachen wie bisher’, die sich in einem beträchtlichen Beharrungsvermögen niederschlagen: Menschen tendieren entsprechend dazu, ihr bisheriges Verhalten auch unter erheblichen Kosten fortzusetzen, wenn Verhaltensalternativen mit unkalkulierbaren Risiken verbunden sind.” Dies zur bescheidenen Bereitschaft des Menschen, Besitz loszulassen und Verhalten zu ändern, was sich wiederum auf die Unveränderlichkeit der Triebe und deren genetische Reproduktion zurückführen lässt. (Pellegrino)

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