Wenn die Liebe belastet wird: Lustverlust im Liebesleben

9. Dezember, 2016

Seien Sie herzlich willkommen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Willkommen zur ersten werktäglichen Lindau-Veranstaltung mit der taufrischen Bezeichnung A1.

Da dürfen wir ruhig entspannen und bei Adam und Eva anfangen, finde ich.

Adam und Eva hatten es gut. Sie konnten ganz neu starten, weil sie noch nichts wussten. Sie hatten noch keine Wörter, um zu bezeichnen, was los war zwischen ihnen. Das Wort Sexualität gibt’s erst seit 150 Jahren. Sie wussten nichts von Lust, weil es das Wort auch nicht gab. Sexuelle Fantasien konnten sie keine haben, um sich in Fahrt zu bringen, weil sie als Mann und Frau noch nichts erlebt hatten. Und weil sie zu sehr miteinander beschäftigt waren. Sie brauchten keine geilen Bilder im Kopf oder im Internet.

Lustverlust, dieses charmante kleine Palindrom, kam in ihrer Welt natürlich nicht vor, gar nicht. Weder von hinten noch von vorn. Denn was man nicht hat, kann man auch nicht verlieren.

Heute, im 21. Jahrhundert, hat sich gegenüber dem Paradies einiges verändert, gewiss. Aber sobald sich Mann und Frau in die Nähe kommen, ist es eigentlich immer noch ähnlich, wenn nicht genau gleich wie bei unserem Prototypenpaar Adam und Eva, nehme ich an. Es ist doch alles ganz einfach, nah, weich und warm, stark und geheimnisvoll. Und es duftet fein.

Alles ist da. Zum Greifen nah das zweisame Sein. Unspektakulär, unaufgeregt. Es fehlt nichts, am wenigsten die Lust auf Lust. Die hat hier nichts verloren. Es gibt nichts zu verlieren.

Jaja, unsere Klientenpaare möchten uns gern vom Gegenteil überzeugen. Und es gelingt ihnen auch. Wir von der Therapeutenliga sind ja wirtschaftlich darauf angewiesen, dass es den Lustverlust offenbar eben doch gibt. Dass er sogar epidemisch am Grassieren sein soll. Die Weltgesundheits-Organisation WHO steht uns allen bei, unseren geplagten Paaren und uns, den einfühlsamen Therapeutinnen. F52.0 heißt die kassenpflichtige Leistungsgruppe in der ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen: «Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen» steht hier.

Obwohl sie gar nicht paradiesisch klingen, kann ich nicht umhin, Ihnen zwei der dazugehörigen diagnostischen Kriterien vorzustellen. Erstens: «Der Mangel oder der Verlust des sexuellen Verlangens äußert sich in einer Verminderung von Suchen nach sexuellen Reizen, von Denken an Sex mit entsprechendem Wunsch oder Verlangen und von sexuellen Fantasien.»

Auf gut deutsch übersetzt könnte dieses Kriterium so lauten: «Sexuell in Ordnung bin ich, wenn ich ausreichend Sex im Kopf habe.» Was ausreichend ist, legen die Beamten bei der WHO fest.

Und hier das zweite diagnostische Kriterium. Ich zitiere die ICD-10: «Der Mangel an Interesse, sexuelle Aktivitäten entweder mit einem Partner oder für sich alleine als Masturbation zu beginnen, führt zu einer eindeutig niedrigeren Häufigkeit, als unter Berücksichtigung des Alters und der Umstände zu erwarten wäre, oder die Häufigkeit ist im Gegensatz zu früher deutlich gesunken.»

Soll ich das auch übersetzen? Ich versuch’s mal. «Sexuell gesund bin ich, wenn ich genügend häufig erfolgreich Sex lostrete, sei es im Koitus- oder im Selbstbedienungsmodus.» Wie häufig das zu sein hat, bestimmen wiederum die WHO-Experten.

Klingt alles ziemlich abstoßend am Montagmorgen früh, ich geb’s ja zu. Aber es ist erst das

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