10a. Die Triebe – etwas ausführlicher

10a. Die Triebe – etwas ausführlicher

Kleine Wiederholung: Die Schicksalspsychologie kennt vier Triebe, nämlich die drei Vitaltriebe und den ICH-Trieb. Die drei Vitaltriebe sind der Sexual- oder Lebenstrieb S, der Persönlichkeitstrieb P, (bei Szondi: Überraschungs- oder Paroxysmaltrieb) und der Kontakt- und Kommunikationstrieb C.

In Text Nr. 8 haben wir über den Trieb schon einiges gesagt. Hier noch weitere Details zum Wesen des Triebes. Wesen deshalb, da er im Menschen wie ein «Bewohner» lebt.

Die Triebe benützen alles am und im Menschen um zu tun, was sie tun müssen. Dafür brauchen sie den Leib, die Körperfunktionen, die Körperteile, das Gehirn und schliesslich alle inneren Prozesse und Kreisläufe. Sie benützen den Körper, um ihre Triebpflichten zu erfüllen. Allerdings kommen sich die Triebe dabei in die Quere. So stösst die Aggressivität des Sexualtriebes (Freud, S. (1923): Das Ich und das Es, S. 283) auf die moralischen Grenzwächter des Persönlichkeitstriebs die uns über unangenehme Folgen unbedachter Lustbefriedigung orientieren und das nachfolgend schlechte Gewissen mobilisieren. Der Kontakttrieb meldet gegenüber Aggressivität Bedenken an und löst eine depressive Stimmung aus; der ICH-Trieb findet Sex in der aktuellen Situation viel zu riskant, störungsanfällig und momentan nicht angebracht. Der ICH-Trieb versucht dann, sich innert Millisekunden bremsend einzuschalten indem er beispielsweise den Körper mittels verschiedener Symptome wie blitzartige Kopfschmerzen, Schweissausbrüche, kalte Hände und Füsse, Bauchschmerzen und bei Männern mit ausbleibender Erektion reagieren lässt.

Konkret heisst dies: Sex zur falschen Zeit unter ungünstigen Bedingungen findet Triebwiderspruch. All dies muss dem Sexualtrieb im Verlaufe des Erwachsenwerdens klar werden. Primitive Seximpulse müssen sich verfeinern, ein sympathisches Vorgehen entwickeln und sich anständig «kleiden». Das bedeutet, dass der Sexualtrieb lernt, bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse die Neigung der anderen Triebe für seine Vorhaben zu gewinnen.

Triebe gehen ständig «Bündnisse» ein, schliessen sich zu Aktionen zusammen, legen sich auch gegenseitig lahm. Dies alles, um die Fortpflanzungsfähigkeit zu sichern. Die Triebe ziehen alle in die gleiche Richtung aber nicht am selben Strick. Aber – letztlich verschleissen uns die Triebe.


(Bild: Figur aus dem Museum Fondation Beyeler, Basel)