11. Ich-Trieb (Sch)

Brückentext 2019

11. Ich-Trieb (Sch)

Was bin ich?

Szondi beschreibt das Ich als «Ganzheit», in dem es als autonome globale Instanz existiert. Hier stellt sich nun die Frage, wer das Ich beziehungsweise der Ich-Trieb in der Schicksalsanalyse ist. Szondi hat es sich nicht leicht gemacht und eine handliche Definition formuliert, sondern ein ganzes Buch zur Analyse und Beschreibung des Ichs und seiner Funktionen geschrieben. Wesentlich ist, dass Szondi dem Ich eine umfassende, organisierte und zielstrebige Macht zuordnet, die er wie folgt beschreibt:

«Das Ich ist demnach der Machtverteiler, der Organisator und Administrator der komplementären Koexistenz und der ergänzenden Kooperation der Gegensatzpole1 der bewussten und der unbewussten Seele.

Das Ich sozialisiert und sublimiert, individualisiert und humanisiert alle Gegensätzlichkeiten der menschlichen Triebnatur.

Das Ich ist die Brücke, welche alle Gegensatzpolein der Seele zu überbrücken vermag» (Ich-Analyse, S. 156).

Diese Kompetenz- und Funktionshäufung mit den fast Allmachts-ähnlichen Eigenschaften des szondischen Ichs wirft die Frage auf, wie das Ich eigentlich funktioniert, wenn es doch -wie Szondi skeptisch einmal sagte – «kein zuverlässiger Kapitän» sei. Wenn man überdies bedenkt, dass das Ich – auch in seiner besten Verfassung – von den Vitaltrieben bedrängt, von den eigenen narzisstischen Strebungen getrieben und von neurotischer Abwehr gequält und im Hintergrund immer von der Neigung zu Persönlichkeitsstörungen sowie der Disposition zu psychischen Erkrankungen besessen ist, dann bleibt nicht mehr viel Spielraum, um Machtverteiler und Organisator der Existenz des Individuums zu sein. Da drängt sich die Hypothese auf, dass es entweder kein Ich gibt oder das Konzept des Ichs als Kulisse für eine mächtigere Instanz, von Szondi als pontifex oppositorum eingeführt, dient. Szondi schreibt: «Das Ich ist der Pontifex oppositorum» (Szondi, Ich-Analyse, S. 156).

Wie auch immer: In der Konstruktion des schicksalsanalytischen Ich-Triebs haben die beiden das Ich bildenden Triebfaktoren die folgenden Eigenschaften: der eine Triebfaktor verlangt Ich-Einengung Selbsterhaltung der Person durch Anpassung an die Realität), das bedeutet Selbstkontrolle und Verzicht.Zugleich umfasst dieser Triebfaktor komplementär den Drang nach Haben, Erwerb und Besitznahme, um die Selbsterhaltung und das Überleben materiell zu sichern. Der andere Triebfaktor strebt nach Ich-Ausdehnung, nach Aufblähung des eigenen Ichs,aber auch komplementärnach Teilhabe an der Gemeinschaft (Partizipation) was wiederum Sicherheit und Geborgenheit verspricht. «’Das Anteilhaben am anderen’, also der Partizipationsvorgang, ist ein Ich-Prozess. Er besteht in der Projektion von Macht, d.h. in der Machtübertragung. Das partizipierende Ich überträgt seine eigene mitgebrachte Macht auf das Objekt, mit dem es eins, gleich und verwandt wird» (ebenda S. 35). Die Kraft dieses Triebfaktors führt zur Verinnerlichung von Ideologien und zur bedingungslosen, blinden Anhängerschaft sowie zu einer spirituellen Verschmelzung mit Ideologien und religiösen Bewegungen. Der Gläubige gewinnt dabei Anteil an der Allmacht der Bewegung und wird dadurch mächtiger als alle anderen Nicht-Gläubigen. Eine kümmerliche, im gesellschaftlichen Schatten vegetierende Person erhält durch die fraglose und bedingungslose Teilhabe an der Bewegung, durch die Partizipation an den Riten, Idealen und Regeln und durch das Verinnerlichen von Glaubensbekenntnissen ein von aussen genährtes Selbstbewusstsein. Keine Gemeinschaft, kein Staat und kein Verein kommt ohne diesen «Partizipationsdrang» (Szondi) aus, aber ohne Partizipationsdrang gibt es auch keine verbrecherischen Cliquen, Gruppen und destruktiven Weltanschauungsbewegungen.

Das Ich ist der charakterbildende Trieb des Menschen.