6. Wo ist der freie Wille?

6. Wo ist der freie Wille?

Der Wille ist die Kraft der Vitaltriebe, ihre Befriedigung zu erreichen. Und das heisst: «Ich tue was ich nötig habe! ꟷ wenn es möglich ist». Was möglich ist, bestimmen meistens die Vitaltriebe. Hier sehen wir erstmals, wie ICH und Vitaltriebe eigene Ziele verfolgen: Das ICH möchte ein gutes und anständiges Leben führen, von allen guten Vorsätzen geleitet, übereinstimmend mit der allgemein anerkannten Ethik und Moral. Das ICH schafft unermüdlich daran, ein besserer Mensch zu werden – schicksalsanalytisch an seiner «Humanisation». Nach Leopold Szondi: «Humanisation ist demnach Menschwerdung durch gewollte Umkehrung des Triebhaften ins Sozialhafte und ins Geistige.»* Das Triebhafte nennt Szondi noch animalisch und inhuman, also unmenschlich. Die Humanisation als höchste Stufe der Menschlichkeit wird nur von den allerwenigsten erreicht – und dann nicht mal auf Dauer -, wie Szondi schreibt. Denn das dafür notwendige Willensquantum des ICHs haben nur die wenigsten.

Der Wille zur «gewollten Umkehrung des Triebhaften» ist praktisch eine Kampfansage an die Vitaltriebe, die das biologische Leben und die Fortpflanzung aufrechterhalten. Das ICH liegt also in einem ständigen Kampf mit den Vitaltrieben. Bedürfnisbefriedigung und Bedarfsdeckung ist der Wille der Vitaltriebe. Die «humane» Ordnung der entsprechenden Aktivitäten ist der Wille des ICHs. Wie rasch sich die humane Ordnung verflüchtigt, das ICH zum Triebdiener wird und der Wille der «animalischen» Vitaltriebe dominiert, zeigt die tägliche Nachrichtenflut. Der Wille des ICHs zu Recht und Ordnung wird ständig auf die Probe gestellt. Und warum? Weil die Vitaltriebe nicht folgen. So gesehen, haben wir keinen freien Willen, weil Triebbedürfnisse, Pflichten und Nöte aller Art vorgeben, was Wille will. Eine trübe Aussicht, aber in einem späteren Kapitel kommen wir unter dem Titel «Was tun?» auf den Willen zurück.

*Szondi, Leopold: Ich-Analyse, S. 107