7. Freier Wille stark geknebelt

7. Freier Wille stark geknebelt

Der freie Wille ist ein Werkzeug des ICHs, wenn das ICH etwas unternehmen und Ja oder Nein sagen möchte. Das funktioniert dann, wenn nichts im Wege steht und uns die Umstände nicht vorschreiben, was Wille wollen soll. Beispielsweise in einer Pandemie: Da regiert das Schutzkonzept der Behörde und der eigene Wille beschränkt sich auf die Farbe der Schutzmasken. Mehr oder weniger.

Ein weiteres Beispiel: Sie werden krank. Die Behandlung der Krankheit ist noch halbwegs eine Entscheidung des freien Willens, aber der Wille ist schon sehr eingeschränkt, denn der Selbsterhaltungstrieb will, dass wir gesund werden und die Krankheit behandeln. Von Fachleuten wird uns gesagt, wie die Behandlung sein soll. Die Durchführung der Behandlung hängt wiederum nicht von unserem Willen ab, sondern wird von anderen diktiert. Schlafzeit, Essen und Trinken, Medikamente einnehmen und therapeutische Behandlungen über sich ergehen lassen – alles wird vom Behandlungskonzept bestimmt, festgelegt und gelenkt. Krankheit löst finanzielle Probleme aus, am Arbeitsplatz fehlt man, Familie, Freunde und Verwandte sind ebenfalls von den Auswirkungen der Krankheit betroffen. Im Fall eines schlimmeren Krankheitsverlaufs – wie bei bleibender Invalidität – führt dieser zu Änderungen im Leben die niemand willentlich wollte. Es ergibt sich so. Von freiem Willen keine Spur.

Und noch die Liebe als Beispiel: Die überfällt uns, greift in unser Verhalten ein, durchtränkt unsere Lebensweise, verzaubert und frustriert uns – kurz und gut, wir haben einen sehr eingeschränkten freien Willen. Wir sind unseren Vitaltrieben ausgeliefert, von Vernunft keine Rede, triebgesteuert von Wonnegefühlen, von Weh’ und Schmerz erfüllt und von Sexbegehren angespornt. Von einem ICH-gesteuerten Willen nichts zu sehen.

Von der Arbeitswelt gar nicht zu reden. Wo ist dort der freie Wille?

Und sobald Sie Familie haben, ist freier Wille von vorneherein eingeschränkt, denn die Familienmitglieder haben auch ihren Willen. Wille durchsetzen, führt immer zu Konflikten bis jeweils eine Lösung gefunden wird. Eine leidvolle Sache.

Es ist schon so: Der eigene freie Wille ist – genau betrachtet – stark geknebelt. Wohin man sieht: Überall stehen fremde Willenskräfte, Verbote, Regeln, Gesetze und Vorschriften – geschriebene und ungeschriebene – im Weg. Beschränkt sich der freie Wille darauf, beim Z’morge Milchkaffee oder Ovomaltine zu trinken oder gar nichts?

Wahrscheinlich besteht der freie Wille darin, so wenig wie möglich zu wollen, die Ansprüche der Vitaltriebe einzudämmen und das Geschrei des ICHs nach grandioser Selbstdarstellung möglichst zu dämpfen. Darüber wird bei der Besprechung des ICH-Triebs noch zu reden sein.