Im 20. Jahrhundert: Vieles begann mit Freud

Im 20. Jahrhundert: Vieles begann mit Freud

Es ist die Erfor­schung des Ver­dräng­ten, die Eric Kan­del in sei­nem präch­ti­gen Buch „Das Zeit­al­ter der Erkennt­nis“ nach­zeich­net, nicht des Unbe­wuss­ten, was von Lite­ra­tur und Kunst im Wien um 1900 geleis­tet wur­de, wie Kan­del im Unter­ti­tel ankün­digt. So gese­hen, zei­gen sich nur for­ma­le Par­al­le­len zu Freuds Arbei­ten, kei­ne inhalt­li­chen. Das Buch ist ein reich­hal­ti­ger Rück­blick auf die Kunst und Tie­fen­psy­cho­lo­gie in den Anfän­gen des letz­ten Jahr­hun­derts und ver­tieft eine Prä­sen­ta­ti­on von wis­sen­schaft­li­chen und künst­le­ri­schen täti­gen Aus­nah­me­ge­stal­ten im alten Öster­reich um schliess­lich eine Fül­le neu­ro­phy­sio­lo­gi­scher Erkennt­nis­se der jüngs­ten Zeit aus­zu­brei­ten.

Eric Kan­dels Dar­stel­lung erstreckt sich auf die künst­le­risch-psy­cho­lo­gi­sche Sze­ne um 1900 in Wien bis zur Erfor­schung von Gehirn­funk­tio­nen im gan­zen 20. Jahr­hun­dert. Das Buch ist ein gros­ses Gemäl­de der For­schung über Den­ken, Erken­nen und Erin­nern wobei die Schil­de­rung der Kom­ple­xi­tät der Hirn­ar­beit beim Ver­ar­bei­ten von visu­el­len Impul­sen von einer inten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit der Male­rei des letz­ten Jahr­hun­derts umschlun­gen wird. Unbe­streit­bar span­nend sind die sehr auf­schluss­rei­chen Dar­stel­lun­gen neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se, eben Kan­dels urei­gens­tes For­schungs­ge­biet.

Der Autor behan­delt sehr aus­führ­lich die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Psy­cho­ana­ly­se und geht auch mate­ri­ell sowohl kri­tisch wie tief­schür­fend auf Freuds Erkennt­nis­weg ein. Dabei streicht Kan­del immer wie­der her­aus, wie irrig Freuds bio­lo­gisch-neu­ro­lo­gi­schen Ansät­ze gewe­sen sei­en, aber doch – man spürt ein Bedau­ern – eine Plau­si­bi­li­tät im Rah­men der psy­cho­ana­ly­ti­schen Umfor­mung erreich­ten. Wie auch immer, die span­nen­de Ent­wick­lungs­ge­schich­te psy­cho­ana­ly­ti­scher Ide­en ist dem Autor sehr fes­selnd gera­ten, wobei die fast beschä­men­de Tat­sa­che, dass Freud ers­tens die weib­li­chen Sexua­li­tät nur mit Mühe erfass­te und zwei­tens als zweit­ran­gig abstem­pel­te, vom Autor spe­zi­ell her­vor­ge­ho­ben wird. Da muss der gros­se Freud Federn las­sen…

Mal­di­dak­ti­sche Erör­te­run­gen bei­spiels­wei­se zur hol­län­di­schen und ita­lie­ni­schen Male­rei im 16. Und 17. Jahr­hun­dert lesen sich inter­es­sant, schaf­fen eine «dif­fe­ren­ti­al­dia­gnos­ti­sche» Ein­sicht in das Wesen der Male­rei, Fak­ten, die man sich sonst bei Goog­le zusam­men­su­chen müss­te. Hin­ter­grund zum The­ma bil­det die Ent-Objek­ti­vie­rung der Kunst, des Kunst­werks und des künst­le­ri­schen Aus­drucks. Die Schluss­fol­ge­rung des fun­da­men­ta­len Wan­dels künst­le­ri­scher Wer­ke: Der Betrach­ter eines Kunst­werks wird in die­ses invol­viert. Da liegt auch nach Kan­del ein Brü­cken­schlag zur Psy­cho­ana­ly­se, in der ent­ge­gen des übli­chen Set­tings von wis­sen­dem Arzt mit sei­nem Objekt „Pati­ent“, der letz­te­re mit sei­nem Reden und Asso­zi­ie­ren dem Ana­ly­ti­ker im Selbst­hei­lungs­pro­zess bei­steht. Der Bild­be­trach­ter und der Pati­ent sind nicht mehr «Aus­sen­her­um­ste­hen­de» son­dern wesent­lich der Mit­tel­punkt des Gesche­hens. Das Bild bzw. der The­ra­peut ver­mit­teln kei­ne Bot­schaft mehr die gläu­big ange­nom­men wird, son­dern sie erar­bei­ten bild­be­trach­tend den Sinn oder die feh­len­de Sinn­haf­tig­keit des Kunst­wer­kes bzw. der ana­ly­ti­schen Vor­ga­ben.

Am Bei­spiel der Maler Kokosch­ka und Schie­le zeigt der Autor, in Auf­bruch­zeit um 1900 das künst­le­ri­sche Wien gewe­sen ist: ein­drück­lich wer­den die Maler in ihren per­sön­li­chen Ent­wick­lungs- und Lebens­um­stän­den «gemalt», wird ihre höchst unbür­ger­li­che Lebens­art und ihr spon­tan-umwäl­zen­der Lebens­stil sowie der Ein­fluss ihrer Ehe­frau­en, Freun­din­nen und Gelieb­ten geschil­dert. Es schon etwas beson­de­res um 1900 gewe­sen sein: Freud publi­zier­te sei­ne „Traum­deu­tung“ , Max Planck schuf die Grund­la­ge der Quan­ten­phy­sik, Tho­mas Mann schloss sei­nen Roman „Bud­den­brooks“ ab und Ein­stein wur­de in Zürich Schwei­zer Bür­ger.

Bemer­kens­wert sind die umfang­rei­chen wis­sen­schaft­li­chen Ein­schü­be, wel­che die Kunst­be­trach­tun­gen unter­bre­chen. So lernt man bei­spiels­wei­se sehr viel über die Funk­ti­on des Auges und der ent­spre­chen­den neu­ro­phy­sio­lo­gi­schen Orga­ni­sa­ti­on des Sehens. Sou­ve­rän und fun­diert dar­ge­stellt, aber in der prä­sen­tier­ten fach­li­chen Brei­te kaum zu erwar­ten, es sei denn, man ken­ne den Autor von sei­nen Fach­ar­bei­ten her, wie bei­spiels­wei­se das sehr instruk­ti­ve Buch «Auf der Suche nach dem Gedächt­nis». Dem Autor gelingt es, auch tro­cke­ne wis­sen­schaft­li­che Schil­de­run­gen mit instruk­ti­ven Gra­fi­ken und dem Ein­be­zug von far­bi­gen Dru­cken von Bil­dern bekann­ter Künst­ler – vom Mit­tel­al­ter bis in die Neu­zeit – sehr illus­tra­tiv auf­zu­lo­ckern.

Frag­lich ist, ob die Zusam­men­fü­gung von Kunst­be­trach­tung, Wie­ner Moder­ne und Neu­ro­phy­sio­lo­gie rund­um eine inne­re Logik auf­weist, doch wenn man über die­ses eher for­ma­le Pro­blem hin­weg sieht, geniesst man ein span­nen­des Buch, bei des­sen Lek­tü­re man dem Autor nur Respekt zol­len kann. Und schliess­lich hat das Buch noch eine emi­nent prak­ti­sche Sei­te: es ist zwar über 700 Sei­ten stark, aber es kann locker à la Car­te gele­sen wer­den, ein Zwang, die Kapi­tel schön der Rei­he nach zu lesen ergibt sich nicht. (alt)

Titel: Das Zeit­al­ter der Erkennt­nis

Unter­ti­tel: Die Erfor­schung des Unbe­wuss­ten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wie­ner Moder­ne bis heu­te

Autor: Eric Kan­del

Ver­lag: Sied­ler, Mün­chen 2012

ISBN: 978–3‑88680–945‑5

Preis: Fr. 59.90

Der Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Eric Kan­del (*7. 11.1929) gilt als einer der bedeu­tends­ten Erfor­scher neu­ro­lo­gi­scher Vor­gän­ge hin­ter all­täg­li­chen Gehirn­leis­tun­gen der Men­schen. Im Jahr 2000 wur­de er mit dem Nobel­preis für Phy­sio­lo­gie oder Medi­zin aus­ge­zeich­net. Der gebür­ti­ge Wie­ner inter­es­siert sich beson­ders für die dunk­le Sei­te der See­le, er begrün­det dies mit sei­nen Erfah­run­gen im Herbst 1938, als er und sei­ne Eltern – Kan­dels sind Juden – aus ihrer Woh­nung ver­trie­ben wur­den. Kurz dar­auf emi­grier­te die Fami­lie in die USA. Erst jetzt, im Alter von 82 Jah­ren, schließt Kan­del Frie­den mit sei­ner Geburts­stadt. . In sei­nem neu­en Buch bewun­dert er die gro­ßen Künst­ler Wiens und ent­wirft die Visi­on einer neu­en Wis­sen­schaft, die das Rät­sel der Krea­ti­vi­tät ent­schlüs­selt.

Ein wei­te­res emp­feh­lens­wer­tes Buch von Eric Kan­del:

ISBN-103–518-29460–1

Ver­lag: Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2012

Taschen­buch

Preis: Fr. 27.90

Dem Nobel­preis­trä­ger Eric Kan­del gebührt das Ver­dienst, das bis dahin gänz­lich uner­kun­de­te Gebiet der Bezie­hun­gen zwi­schen Neu­ro­bio­lo­gie und Psy­cho­ana­ly­se erschlos­sen zu haben. Heu­te ist es eines der span­nends­ten und zugleich inno­va­tivs­ten Fel­der der Wis­sen­schaf­ten über­haupt. Die vor­lie­gen­de Samm­lung von Auf­sät­zen Eric Kan­dels lädt den Leser zu “einer der wich­tigs­ten, bedeut­sams­ten und auf­re­gends­ten For­schungs­rei­sen unse­rer Zeit ein” (Stuart C. Yudof­sky) – zu einer Erkun­dung der Funk­ti­ons­wei­se des mensch­li­chen Gehirns und der Mög­lich­kei­ten, durch die Psy­cho­ana­ly­se und die Psych­ia­trie auf die­se Ein­fluß zu neh­men. Der Band, den der Prot­ago­nist der deut­schen Hirn­for­schungs­de­bat­te, Ger­hard Roth, ein­lei­tet und der mit einer sehr per­sön­li­chen Ein­füh­rung Eric Kan­dels beginnt, bie­tet einen kon­zi­sen Über­blick die­ser Revo­lu­ti­on der psych­ia­tri­schen For­schung. (Suhr­kamp Lek­to­rat)