Aggressivität in allen Trieben

Aggressivität in allen Trieben

 

Die besondere Typologie der Aggression in der Schicksalsanalyse nach Leopold Szondi:

„Es steht fest, dass jeder Triebvektor zu aggressiven Handlungen führen kann; jedoch die Art und die Funktion der aggressiven Triebhandlungen in jedem Vektor spezifisch verschieden ist. Aufgrund dieser Feststellung konnte die Schicksalsanalyse ihre besondere Typologie der Aggression aufstellen:

  • im Sexualvektor: die lustbedingte, sadomasochistische Aggression (-s,+s); 
  • im Affektvektor: der Kainismus, die affektbedingte, tötende, kainitische und wiedergutmachende Aggression (-e, +e);
  • im Ichvektor: die ichbedingte, alles verneinende, die Welt und sich selbst zerstörende destruktive Aggression (-k);
  • im Kontaktvektor: die frustrative Aggression, die – wegen des Zukurzgekommen- und Nicht Angenommenseins – eine lange Skala der Gewalt bis zum Terrorismus aufweist.“ (L. Szondi, Die Triebentmischen 1980, S. 131
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Erläuterungen zur Aggression im Kontaktvektor:

«Bei dem Zukurzkommen eines Einzelnen, einer Klasse, einer Rasse spielt die familiäre, soziale, politische, sprachliche und religiöse Umwelt eine ausschlaggebende Rolle.

Die Kränkung wegen des Zukurzgekommenseins führt zu Frustrations-Aggression; der führende Impuls ist der Drang nach Angenommenwerden.

Frustrations-Aggressionen werden oft „Freiheits-Kampf“ genannt. Die frustrative Aggression tritt bei Kindern, die in der Zärtlichkeit zu kurz gekommen sind, ebenso wie bei unterdrückten Gesellschaftsklassen, Rassen, Religionen (jegliche Minderheiten) auf.

Aggression ist kaum sublimierbar.» Leopold Szondi

(Ebenda, S. 139)

 

Kommentar: Aggressionen gehen nicht nur von Individuen aus, sondern erfassen ganze Völker. Häufig ist dabei ein untergründiges Gefühl, als Volk nicht ernst genommen zu werden, in der Völkergemeinschaft nicht den verdienten Platz zu haben und überhaupt zu wenig Wertschätzung einzuheimsen. Dies führt über Jahrzehnte und Jahrhunderte zu einem unbewussten Minderwertigkeitsgefühl und schliesslich einer Form von kollektiver Akzeptationsneurose. Ohnmacht, unterdrückte Wut auf die «Anderen», ein Opfergefühl mit verkümmerten Selbstwert bis zur Selbstzerstörung sind ein Aspekt der Volkspsyche, Aufbegehren, Grossmannssucht, «Kampf ums Dasein», Vernichtung und Zerstörung der Anderen sind der andere Aspekt.

Aggressive Inhalte (in der Schicksalsanalyse als kainitischen Triebstrebungen bezeichnet) im persönlichen Unbewussten der Individuen eines Volkes vernetzen sich zu einer kollektiven Gesamtaggressivität. Schicksalsanalytisch gesehen geht es hier um die Mobilisierung des individuellen Kains (des zerstörerischen Triebpotentials) im Sinne einer transzendenten Induktion (nach R. Sheldrake: morphische Resonanz, nach welcher ein kollektives Modul des Bösen gebildet und alimentiert wird) vom Einzelnen auf das Kollektiv. Als Botschaft «veröffentlicht» und medial gestreut, führt dies zu einer permanenten Selbstbestätigung und zu einer psychischen aggressiven Staulage, was unweigerlich Spannungen, Gewaltbereitschaft und letztlich kriegerische Auseinandersetzungen nach sich zieht.

Auf den aktuellen Überfall von Russland auf die Ukraine bezogen, zeigt das folgende Zitat die von einem Russen, Dmitri Muratow, ex Chefredaktor der (geschlossenen) Zeitung «Nowaja Gaseta», gemachte Beobachtung:

«Was Russlands Präsident Wladimir Putin mit dem Überfall der Ukraine bezwecke, wisse es nicht. ‘Will der den Donbss einverleiben? Will er der Ukraine den Zugang zum Meer verwehren? Niemand versteht es’, so Muratow. Klar jedoch sei, dass der Krieg die Folge eines Prozesses sei, der sich in Russland schleichend, aber unaufhaltsam fortgesetzt habe [die transendete Induktion, Disp.] – von der Verfolgung von oppositionellen Politikern über die Einmischung der Kirche und die Geschichtsklitterung bis hin zur totale Staatspropaganda, wie sie nun ohne Widerspruch in die Stuben flimmert. «Ich hätte nicht gedacht, dass ein derart grosser Teil der Bevölkerung daran glaubt», so sagt der Zeitungsmann konsterniert.»

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 4.05.2022; S. 8                                                    Dispectus at.