Ahnentraum

Ahnentraum

In den Konduktoren- oder Ahnenträumen kann der Träumer die schizophrenen, epileptischen, manisch-depressiven, kriminellen und andersartigen Ahnenfiguren persönlich erleben, durch die Traumanalyse annehmen, assimilieren und durch die Bewusstseinsfähigmachung der kranken Erbansprüche sie unter Kontrolle des eigenen Ichs stellen.

Diejenigen  Ahnenfiguren, deren Konduktor der Patient selber ist, bestimmen sogar die Inhalte der neurotischen Symptome. Nicht nur die verdrängten Triebansprüche, sondern auch die nichtgelebten Ahnenansprüche verursachen neurotische Symptome. (Szondi, Schicksalsanalytische Therapie, S. 84.f)

Ausgangspunkt zur Darstellung des Ahnentraums ist die Schilderung eines «Nächtlichen Besuchs» einer alten Dame (NZZaS vom 6.5.2012):

«Die fremden Menschen im Schlafzimmer machen der Frau Angst. Es ist mitten in der Nacht, und die 84-Jährige ist völlig verwirrt. Wieso stehen die Leute schon wieder an ihrem Bett? Es ist nicht das erste Mal – in anderen Nächten sitzen die Gestalten auf den Stühlen im Raum. Immer beobachten sie stumm die alte Dame, bis sie erwacht. In ihrer Not berichtet die 84-Jährige ihrem Arzt von den ungebetenen Gästen.»

Die Erscheinungen konnten aufgrund umfangreicher medizinischer Abklärungen als Halluzinationen, hervorgerufen durch den Wirkstoff «Metoprolol» eines Medikamentes gegen Bluthochdurck, entschlüsselt werden. «Im Wesentlichen geht es hierbei um krankhaft Sinnestäuschungen. Auch wenn sich die Ursachen nachweisen lassen, gilt dasselbe nicht für die Inhalte. Bei allen Halluzinationsformen stellt sich stets die Frage: Warum gerade dieser Inhalt und kein anderer? Es ist nicht erklärt, warum die betagte Frau diese Personen sah, in dieser Anordnung und nicht etwas anderes. (…) Wenn man diese nächtlichen Vorgänge [bei der 84-Jährigen] in der Form eines Traumes vor sich hätte, würde [die Deutung] wesentlich leichter fallen. Die Traumzensur stellt mittels der häufigen Abwehr, der Verkehrung ins Gegenteil, genau dasselbe derart bizarr und verzerrt dar, wie dies in den Halluzinationen geschieht. Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man formulieren: Halluzinationen stehen inhaltlich den bizarren Träumen sehr nahe und sie haben dieselben Quellen. Deswegen ist es sicherlich kein Fehler, sich das Halluzinierte als Traum vorzustellen. Die halluzinierten Inhalte kann man folgerichtig auch in ähnlicher Weise interpretieren. (…)

Ähnlich würde es sich verhalten, wenn man die nächtlichen Erlebnisse der alten Dame als Inhalte von Ahnenträumen betrachtete. Wenn unbewusste, unterdrückte Ahnenansprüche ins Bewusstsein gelangen wollen, machen sie das über sogenannte Ahnenträume. Dieselben stammen aus einem dem Menschen meist völlig unbekannten Bereich des Unbewussten. Leopold Szondi nennt es das «Familiäre Unbewusste». Die Träumenden kennen ihre sie krank Ahnen machenden vielfach nicht persönlich. (…) In Ahnenträumen erscheinen tatsächlich «fremde», d.h. unbekannte Symbolfiguren. Ahnenträume wollen mit den darin agierenden Personen nur darauf aufmerksam machen, dass im Erbgut der Träumenden latente, krankmachende Erbanlagen vorhanden sind. [In einer Therapie zeigen die Ahnenträume das Krankheitspotential und damit werden die vom Potential ausgestrahlten Symptome, Verhaltensweisen und Bedürfnisextreme offensichtlich.] Unter Umständen kann man im Familienstammbaum die tatsächlich erkrankten Ahnen finden.» (Quelle: Gerhard Kürsteiner: Transzendenz, S. 25, 28-30, k-press 2016)

Therapeutische Arbeit am Ahnentraum in einer hochkritischen Phase:

«Der Schicksalsanalytiker drängt mit einem modifizierten Assoziationsverfahren, das man «Hammerschlag»- oder «Psychoschock-Methode» nennt.  Der Analytiker exponiert bestimmte Worte oder Sätze des Traumtextes, im besonderen die des komplexbeladenen Einfallsmaterials des Patienten, als Reizwort und zwar so oft und so rasch schlagartig, wieder und wieder, solange, bis der Patient bestimmte Symptome der latenten Ahnen – wie z.B. die der Epilepsie, Paranoia, des Negativismus [Zerstörungsdrang], der tötenden Gesinnung – vor dem Analytiker – oder sogar gegen ihn – agiert und reproduziert.

Der Analytiker erlebt somit visuell und akustisch den aus dem familiären Unbewussten vorübergehend herausgetretenen Ahn, der eine Weile auf der Couch agiert. Hernach konfrontiert er den Patienten mit dieser Ahnenfigur.» (L. Szondi in «Ahnenträume», S. 12, von G. Kürsteiner, Huber, 1979).