Ichlehre

Ichlehre

„Die gewichtige Rolle der Ichfunktionen im Schicksal des Einzelnen präsentieren sich in mehreren Formen:

Erstens: In der Bewusst- und Bewusstseinsfähigmachung der unbewussten Ahnenansprüche des familiären Unbewussten. Dies geschieht einesteils durch die Bewusstmachung der Hinausverlegung, d.h. der Projektion der Ahnenbilder, denen zufolge bisher das Suchen und die Wahl eines Partners unbewusst geschah; andernteils durch Bewusstmachung der Tatsache, dass die Personen von gegensätzlichen Ahnenstrebungen besessen wird, d.h. der Inflation.

Zweitens: muss das Ich zu den bewusstgemachten Ahnenansprüchen, also zu seinen vererbten Schicksalsmöglichkeiten, Stellung nehmen, sie entweder bejahen, dem eigenen Ich einverleiben, introjizieren, sich mit ihnen identifizieren oder aber diese verneinen, negieren, in extremen Fällen sogar zerstören.

Drittens: kann sich das Ich unter günstigen Umständen (…) soweit entwickeln, dass es fähig wird, die Gegensätzlichkeiten des Daseins zu überbrücken. Also: das Träumen und Wachen, das Unbewusst und Bewusste, die Subjekt- und die Objektwelt, die Allmacht und die Ohnmacht, den Körper und die Seele, die Weiblichtkeit und  die Männlichkeit, den Geist und die Natur, das Diesseits und Jenseits. (…) Dieses alle mitgebrachten Antinomien überblickende und überbrückende Ich hat nun die Kraft, aus dem ererbten Zwangsschicksal ein freies Wahlschicksal zu zu wählen.“

Quelle: Szondi, L.: Freiheit und Zwang im Schicksal des Einzelnen, S. 33