Triebanlagen, latente und familiäre

Triebanlagen, latente und familiäre

 

Zit: Szondi, Leopold: Ich-Analyse, S. 80ff.

«In den vorangehenden theoretischen Erörterungen begründeten wir die These der Schicksalsanalyse, nach der ‘psychopathologische Erbanlagen’ als eine erbbedingte Dialektik zwischen bestimmten Triebstrebungen und gewissen Ich-Abwehrfunktionen aufzufassen sind. In dieser erbgemässen Trieb- und Ich-Dialektik verwirklicht sich die sg. Genwirkung der Psychopathologie. Die Triebfunktionen wie die ebenfalls triebhaften Ich-Abwehrfunktionen sind genetisch in zwei entgegengesetzten Richtungen – vorpersönlich – angelegt.

Seelische Gesundheit und Krankheit sind Zustände, welche durch Phasenwechsel der Trieb- und Abwehrdialektik im familiären Unbewussten bestimmt werden.

Eine weitere ausschlaggebende Behauptung der Schicksalsanalyse ist die folgende:

Jeder Mensch – ob seelisch gesund oder krank – ist Träger und Überträger polar entgegengesetzter Schicksalsmöglichkeiten aller psychischen bzw. psychopathologischen Erb- bzw. Triebkreise.

(…) Jeder Mensch trägt die polar entgegengesetzten Trieb- und Abwehranlagen aller vier Erbkreis auf sich. Also alle möglichen Wirkungsanlagen des Sexuellen (S), des Affektiv-Paroxysmalen (P), des Ich-Lebens (Sch) und des Kontaktlebens (C) 

S.. 82

 S. 83

«Was für theoretische Konklusionen kann man aus der Tatsache ziehen, das jemand im Wahlexperiment (Szondi-Test) unter acht verschiedenen Arten von Erbkrankheiten genau diejenigen Bilder ablehnt, die eben Paranoide und Epileptiker abbilden, also eben Bilden von den zwei Arten von Erbkrankheiten, welche in seinem Stammbaum (Fall Nr 1, 25jähriger Apotheker,  in der Ich-Analyse S. 84) unter den Bluts- und Genverwandten am häufigsten vorkommen?

Aus dieser Tatsache – die wir in zahllosen Fällen immer wieder bestätigt gefunden hatten – zogen wir folgende Schlüsse:

  1. Die Wahl im wirklichen Leben und die Wahl im Testexperiment wird durch die gleichen Faktoren bedingt.
  2. Diese wahllenkenden Faktoren sind Erbfaktoren.
  3. Diese Erbfaktoren manifestieren sich im Leben der Person nicht nur ‘genotypisch’, d.h. nicht nur im ursprünglichen Erscheinungsbild einer Krankheit, sondern hauptsächlich ‘genotropisch’, d.h. wahllenkend, indem sie die Wahlrichtung der Sympathie und Antipathie bestimmen.
  4. Die genotropisch wirkenden Erbfaktoren sind demnach diejenigen Wirkungselemente das familiären Erbguts, welche – durch die Wahl – das Schicksal der Person bedingen.
  5. Da der Wahlvorgang in der Seele der Person unbewusst abläuft, da er ferner durch familiäre Erbfaktoren gelenkt wird, erschliessen wir die Existenz eines familiären Unbewussten.

 

  1. Das familiäre Unbewusste ‘manifestiert’ seine dynamischten Strebungen in der genotropischen Form von Wahlhandungen.

 

Das familiäre Unbewusste drückt seine Strebungen in der ‘Wahlsprache’ aus.

 

  1. Der Zugang zu dem familiären Unbewussten ist also die Wahlhandlung.
  • Und zwar: Erstens die Wahl der Symptome, die der Kranke selbst in der analytischen Situation vor uns reproduziert und erlebt.
  • Zweitens: die Wahl der seelischen Erbkrankheiten, eventuell er selbst, im Besonderen aber seine Bluts- und Genverwandten in der Vergangenheit und der Gegenwart der Familie getroffen haben.
  • Drittens: Die Wahl im Triebexperiment (Szondi-Test).
  1. Von den Wahlhandlungen führt der Weg zum familiären Unbewussten, zu der unsichtbaren Drehbühne der familiär angelegten Triebgegensätzlichkeiten und somit zu den familiär bedingten gegensätzlichen Schicksalsmöglichkeiten des einzelnen. Die eine dieser Schicksalsamöglichkeiten ist krankhafter, die andere hingegen sozialpositiver bzw. geistiger Natur. Beide sind aber in jedem Menschen – in quantitative variabler Stärke – immerfort da und funktionsfähig.