Triebe – die drei Vitaltriebe

Triebe – die drei Vitaltriebe

 

Der Sexualtrieb (S)

Wesen und Psychologie des Eros-Faktors h

Eros ist die Triebkraft, welches alles Lebende zueinander zieht und zusammenhält.

Was die lebenden Zellen zueinander zieht und sie – als Organe – zusammenhält, was die Menschen zueinander treibt und sie aneinander bindet, was die zwischenmenschliche Liebe und Zärtlichkeit – als Bedürfnis – erzeugt, was den unbedingten Liebesanspruch des Einzelwesens an alle Wesen der Welt bedingt: das ist der Faktor h.

Nichts gibt es in der lebendigen Welt an Bindung ohne ihn. Er ist der mächtigste unter den Bindenden. Er ist der Nehmende und Gebende in der Liebe und Zärtlichkeit. Er ist die gewaltigste Kraft, die alles zusammenhält, was in der Welt leibt, lebt und liebt. Faktor h ist somit das Erosradikal, die Wurzel der Liebe und Zärtlichkeit, der Grund der Anziehung und Bindung. Er ist sowohl der Erzeuger der individuellen Personenliebe (+h) wie auch der kollektiven Menschheitsliebe (-h). Faktor h ist also nicht nur einer der zwei aufbauenden Faktoren der Sexualität. Er ist der Faktor jeglicher Bindung von Mensch zu Mensch in Sexus und Liebe, im Körper und Geist. (Szondi, Lehrbuch der experimentellen Triebdiagnostik, S. 67)

Wesen und Psychologie des Thanatos-Faktors s

Das Wesen des Faktors «s» besteht in dem Bedürfnis nach Zerstörung und Selbstzerstörung, nach Sadismus und Masochismus, nach Aktivität und Passivität. Er ist der sadomasochistische Faktor im Triebsystem der Schicksalsanalyse, das Radikal der Destruktion. Sein Faktorzeichen «s» stammt vom Sadismus.

Die Kraft, die fest bestehende Bindungen mit Gewalt entbindet, grössere Einheiten des Lebens rücksichtslos auflöst, erotische Verbindungen brutal zerreisst, die immerfort jeglichem Aufbau zur Ganzheit entgegenwirkt, die die Ganzheit zerstückelt und für alles was lebt, den Tod herbeiwünscht und in der Tat zu bewirken vermag, diese brutale, tötende Triebkraft bewegt sich im Faktor s.

Nichts gibt es an Abbau und Auflösung, an Zerstörung und Zerstückelung, an Leiden und Tod, an Mord und Selbstmord in der Welt ohne die Mitwirkung des Faktors s.

Der Paroxysmaltrieb (P)

Wesen und Psychologie des ethischen Faktors (e)

(e+) Die Faktorstrebung e+ ist diejenige Instanz, «die im Menschen das Gewissen weckt, Verbote gegen Ungeduld und Totschlagen, Gebote für das ethische Verhalten [die Ethik selbst schon als Verhaltenswerk erarbeitet] der Menschheit bringt, die den Mann «Kain» [den Totschläger, den zutiefst Gekränkten] – der ewiglich in uns haust – zu Geduld und Gerechtigkeit, zu Frömmigkeit und Wohlfahrt bewegt, die Kranken heilt und die Religionen stiftet.» (Szondi, Triebdiagnostik, S. 103)

(e-) Die Faktorstrebung, die «den Menschen aus Wut und Hass, aus Zorn und Rache, aus Neid und Eifersucht zu einem Totschläger aus groben Affekten zu machen vermag, die den Menschen dazu treibt, seine Gemütsbewegungen in sich bis zum Bersten aufzustauen, um sie dann plötzlich, explosionsartig auf die Mitmenschen überraschend [daher «paroxysmal»] zu entladen. Eine Faktorstrebung, die (…) den Menschen in einen ‘Anfallskranken’, homo paroxysmalis, verwandelt, der – an Stelle des Feindes, den er blau schlagen möchte -, seine eigene Haut mit ‘Ausschlägen’ belegt, der die Zunge bis zum Stottern hemmt, der die grauenhaften Ängste der Nacht und des Tages erregt,» das ist die Faktorstrebung e-.

Wir können das Kraftfeld des Triebfaktors e nicht verlassen, ohne auf den Wesensunterschied zwischen Faktor s und e hinzuweisen.

Faktor s ist der Todestrieb, der Faktor des Thanatos (Freud).  Er kann zu einem Mord führen, und zwar stets aus der krankhaften Wollust der Zerstörung, aus einem pervertierten Sadismus mit einer sexuellen Färbung.

Faktor e kann – unter Umständen – den Menschen auch zum Totschläger machen. Die Tat wird aber nie vom Sadismus, dem Todestrieb bestimmt, sondern primär von einem Dammbruch, der den groben Affekten, der Wut und dem Zorn, dem Hass und der Rache, dem Neid und der Eifersucht den freien Lauf zur Befriedigung durch die Tat gibt.

Der Mörder vom Typus s ist somit stets ein zerstörender Sadist. Der Totschläger vom Typus e hingegen ein Affekttäter, der selbst ein Opfer des Versagens seiner Bremsen gegenüber den aufgestauten groben Affekten darstellt.

Trotz dieses Wesensunterschiedes finden wir auch Mischformen beider Typen.

 

Wesen und Psychologie des moralischen Faktors (hy)

Durch den Faktor hy wird einerseits der phylogenetisch vorgebildete Schutz- und Sicherungsmechanismus, das Sich-Verstecken in einer äusseren Gefahr- und Schrecksituation, wie auch das schamhafte Sich-Verbergen vor überstarken sexuellen Gemütsbewegungen bedingt (-hy).

Anderseits aber bestimmt er auch den Bewegungssturm, die Rettung aus einer Lebensgefahr, wie auch das schamlose Sich-zur-Schau-Stellen, das Exhibieren und den Geltungsdrang (+hy).

Was gehört alles zum Wirkungsraum des Faktors hy?

(hy-) Das Bedürfnis, das den Menschen dazu treibt, den Drang nach Eros, nach zarter Liebe vor dem Partner und der Welt zu verbergen, das die Scham- und Ekelschranken der zeit- und ortsgebundenen moral aufrichtet, das die erotische und andersartige Phantasiewelt erschliesst und damit das grenzenlose Reich der Unwirklichkeit und Dichtung, der Mythenbildung und der Lügenhaftigkeit (Mythomanie) als Zufluchtsort der Seele schafft, das in Lebensgefahr und Begattungsangst den Menschen völlig immobilisiert, und in einer fast hypnoiden Bewegungslosigkeit erstarren lässt, das die Sinneswahrnehmungen gei unerträglichen existenziellen und überstarken sexuellen Gemütsreizen ausschaltet und in einen Dämmer-, ja sogar Schlafzustand (Narkolepsie) einlullt, das den Menschen somit vor dem Schmerz des grauslichen Schreckens beschützt, das in ihm dennoch die Neigung zur Wiederholung dieses Schreckens – ohne einen neuen Anlass! – erweckt [Kretschmer, E.: Über Hysterie, 1923, S. 7-18], dies ist die Wirkung der negativen Tendenz von Faktor hy.

(hy+) Faktor hy ist aber nicht nur der Immobilisator und somit der Beschützer vofr existenziellen und sexuellen Schreckgefahren, sondern er macht auch aus dem Menschen einen schamlosen Exhibitionisten, einen Zerstörer aller moralischen Scham- und Ekelschranken, er stellt den Geltungsdrang ins Schaufenster des Seins, er entfesselt die anscheinend ziellosen Bewegungsstürme, um das verborgene Triebziel des Geliebt- und Gerettetwerdens zu erlangen, er produziert auch Krämpfe von Schüttelbewegungen, Tics, Um-sich-Herumschlagen, sich-Herumwerfen, Auf- und Ablaufen, er lässt den Menschen aus Angst an allen Gliedern zittern, er bringt auch die Zügellosigkeit und Unfgehemmtheit in die Welt. Dies alles bewirkt die positive Tendenz des Faktors hy.