Triebsystem: dessen Axiome

Triebsystem: dessen Axiome


Ers­tes Axi­om: Lebens­er­hal­tung und Lebens­ver­nich­tung: Was bei Sig­mund Freud der Lebens- und der Todes­trieb sind, ist bei Szon­di der Sexu­al­trieb (Eros­fak­tor), der alle Spiel­ar­ten von Lie­be und Lebens­fort­pflan­zung und Ein­bet­tung in eine umfas­sen­de Huma­ni­tät in sich trägt; aber auch alle For­men von küh­ler Destruk­ti­vi­tät bis zur blind­wü­ti­gen Aggres­si­on und Selbst­ver­nich­tung beinhal­tet (Tha­na­tos­fak­tor).


Zwei­tes Axi­om: Ver­er­bung: Auf­grund der von Indi­vi­du­um zu Indi­vi­du­um sich zei­gen­den Wie­der­ho­lung von immer glei­chen Trieb­be­dürf­nis­sen in Form von mensch­li­chem Ver­hal­ten, wird pos­tu­liert, dass die Trieb­struk­tu­ren ver­erb­bar sind. Da Ver­er­bung über die Gene erfolgt, wird dar­aus geschlos­sen, dass die Trie­be bzw. die Trieb­be­dürf­nis­se erb­lich sind.


Drit­tes Axi­om: Modu­la­ti­on: Trieb­be­dürf­nis­se sind anpas­sungs­fä­hig, ver­än­der­lich und modu­lier­bar. Ihre ver­erb­ten Befrie­di­gungs­mo­di sind wan­del­bar und pas­sen sich an Umwelt, fami­liä­re Lebens­art, ver­erb­tes Ver­hal­ten, die Ich-Steue­rung, exis­ten­zi­el­le Not­wen­dig­kei­ten und die kom­mu­ni­zier­ten Bedürf­nis­se ande­rer Men­schen an. Ein wesent­li­ches Modu­la­ti­ons­in­stru­ment sind epi­ge­ne­ti­sche Ein­wir­kun­gen auf Gen­funk­tio­nen.


«Was sich auf der Dreh­büh­ne der See­le pri­mor­di­al wan­delt, ist Wunsch­be­wusst­sein und die Stel­lung­nah­me des Ichs, wel­ches ein­mal aus die­ser, ein ander­mal aus jener Trieb­quel­le schöpft, um die­se oder jene Ansprü­che im Vor­der­grund des Seins aus­le­ben zu kön­nen. Wäh­rend aber die eine Grup­pe von Trie­bener­gi­en die beson­de­ren Sze­nen im Vor­der­grund der see­li­schen Dreh­büh­ne nährt, bleibt die ande­re Grup­pe von Trie­bener­gi­en im Hin­ter­grund, d.h. in Reser­ve, bis dann das sich wan­deln­de Ich die Büh­ne wie­der umdreht [bei­spiels­wei­se durch the­ra­peu­ti­sche Ein­flüs­se, trau­ma­ti­sche Ereig­nis­se, Krank­heit oder bewuss­te Stel­lung­nah­me des Ichs wie es z.B. allen Ver­zicht­hand­lun­gen zu Grun­de liegt] und neue Ener­gie­quel­len für sein aktu­el­les Sein erschliesst. (…) Die man­nig­fal­ti­gen Wand­lun­gen des Ichs, bedingt durch Geschlecht und Alter, Umwelt und Lebens­wei­se, per­sön­li­che und all­ge­mei­ne Schick­sa­le usw., ver­än­dern auch das Erschei­nungs­bild eines jeden Trieb­fak­tors [Trieb­be­dürf­nis­ses].» (Szon­di, Trieb­dia­gnos­tik, S.68)


Vier­tes Axi­om: Ener­gie­pro­zes­se: Die Trieb­be­dürf­nis­se orga­ni­sie­ren ihre Wirk­sam­keit mit­tels pola­rer Ener­gie­fel­der, als Ener­gie­clus­ter, wobei die­se zwi­schen zwei Polen von wech­seln­der Stär­ke oszil­lie­ren. Trieb­be­dürf­nis­se kon­sti­tu­ie­ren sich über ihr Ener­gie­feld. Trieb­be­dürf­nis­se ver­schie­de­ner Trie­be han­deln in der Regel nicht allei­ne, son­dern ver­net­zen sich durch emer­gen­te Pro­zes­se und das Bün­deln von Ener­gie.


«Die Span­nung der Trie­be, der Drang der Trie­be: Sie [die Span­nung] kommt eben durch die Pola­ri­tät der Stre­bun­gen und Bedürf­nis­se zustan­de. Sie erscheint als Trieb­drang, des­sen Grös­se von der Grös­se der Gegen­sätz­lich­keit [dem Ener­gie­po­ten­ti­al des Fel­des, der – elek­tro­tech­nisch aus­ge­drückt — Feld­span­nung] der­je­ni­gen Trieb­ge­ne abhängt, die ein Bedürf­nis bzw. einen Trieb erb­ge­mäss gemein­sam bedin­gen. Die Span­nung der Trie­be sichert das Dyna­mi­sche in allen trieb­haf­ten Hand­lun­gen.» (Szon­di, Trieb­dia­gnos­tik, S. 33)


Fünf­tes Axi­om: Kom­ple­men­ta­ri­tät: Das Leben des Ein­zel­nen (Szon­di, Frei­heit und Zwang im Schick­sal des Ein­zel­nen, S. 78) beruht auf einer Gegen­satz­struk­tur. Der Gegen­satz zeigt sich in den jeweils zwei Stre­bun­gen [Gegen­po­le] der Bedürf­nis­se, die sich kom­ple­men­tär ergän­zen. Wesent­lich ist, dass psy­chi­sche Gesund­heit durch die Inte­gra­ti­on, «die Ergän­zung der Gegen­sätz­lich­kei­ten zu einer Ganz­heit (eben­da, S. 78)» auf­recht­erhal­ten bleibt. «Wird die Kom­ple­men­ta­ri­täts­ten­denz zwi­schen den Gegen­po­len unter­bro­chen oder gestört, dann gerät die Ein­zel­per­son wie die Mensch­heit in eine Kata­stro­phen­ge­fahr.» (eben­da, S. 79)


Sechs­tes Axi­om: per­ma­nen­ten Akti­vi­tät: Trie­be bzw. Trieb­be­dürf­nis­sen sind immer in Bewe­gung. Sie wol­len sich ver­wirk­li­chen und arbei­ten unent­wegt dar­an, ihre Ener­gi­en in Hand­lun­gen, Ver­hal­tens­mo­di und Äus­se­run­gen umzu­set­zen. Sie haben den «Auf­trag» sich zu rea­li­sie­ren. Trieb­be­dürf­nis­se die «fest­ge­fah­ren» sind, bedeu­ten Fixie­rung und im schlimms­ten Fal­le chro­ni­fi­zier­te Krank­heit.


Eine Gefahr: Die Bedürf­nis­be­frie­di­gung kann durch das stän­di­ge Trieb­drän­gen zur Sucht­wer­den, wenn nicht über das Ich Aus­gleichs­mo­di gefun­den wer­den. Auf­grund des Trieb­drän­gens strebt der Mensch danach, den Radi­us sei­ner Bedürf­nis­be­frie­di­gung stän­dig aus­zu­deh­nen.


Eine The­ra­pie soll den Men­schen von der Ver­zet­te­lung zum Wesent­li­chen, von der Bedürf­nis­aus­wei­tung zurück zur Bedarfs­de­ckung füh­ren.