Seelische Erkrankungen werden häufig übersehen

Seelische Erkrankungen werden häufig übersehen

Jeder drit­te Erwach­se­ne in Deutsch­land ist im Ver­lauf der letz­ten zwölf Mona­te an min­des­tens einer psy­chi­schen Stö­rung erkrankt. Die meis­ten der 15 Mil­lio­nen Betrof­fe­nen lei­den an Angst­zu­stän­den, Depres­sio­nen oder somato­for­men Stö­run­gen. Maxi­mal zehn Pro­zent von ihnen erhiel­ten jedoch eine wis­sen­schaft­lich aner­kann­te The­ra­pie.

Psy­chi­sche und psy­cho­so­ma­ti­sche Krank­hei­ten sind kei­ne blo­ßen Befind­lich­keits­stö­run­gen. Sie müs­sen früh­zei­tig pro­fes­sio­nell behan­delt wer­den, da sie sonst chro­nisch wer­den kön­nen und oft zu bio­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen im Gehirn und im übri­gen Kör­per füh­ren. Die Deut­sche Gesell­schaft für Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin und Ärzt­li­che Psy­cho­the­ra­pie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Pro­zent der durch ambu­lan­te Psy­cho­the­ra­pie behan­del­ten Pati­en­ten nach­weis­lich pro­fi­tie­ren. Ambu­lan­te Psy­cho­the­ra­pi­en umfas­sen im Mit­tel 46 Sit­zun­gen und kos­ten im Durch­schnitt cir­ca 3700 Euro pro Pati­ent. Hil­fe­su­chen­de Men­schen brau­chen jedoch zunächst nied­rig­schwel­li­ge und qua­li­fi­zier­te Anlauf- und Ver­mitt­lungs­stel­len.

Gera­de die akut erkrank­ten, psy­cho­so­zi­al oft ohne­hin belas­te­ten Pati­en­ten fin­den jedoch häu­fig kei­nen Behand­lungs­platz und ent­wi­ckeln gra­vie­ren­de Belas­tun­gen. Pro­fes­so­rin Cor­ne­lia Alba­ni, Lei­te­rin der Sino­va-Kli­nik für Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin in Aulen­dorf, hat zu die­sem The­ma geforscht: „In einer reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gung konn­ten wir nach­wei­sen, dass jene Men­schen, die sich für eine ambu­lan­te psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung ent­schei­den, deut­lich durch die Erkran­kun­gen belas­tet sind und einen sehr hohen Lei­dens­druck ver­spü­ren“, so die DGPM-Ver­tre­te­rin. In der Regel sei­en es schon län­ger und psy­chisch schwer erkrank­te Pati­en­ten mit hoher Krank­heits­last. 84 Pro­zent die­ser Men­schen schätz­ten bei­spiels­wei­se ihre eige­ne psy­chi­sche Ver­fas­sung vor der The­ra­pie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Pati­en­ten dar­über hin­aus an kör­per­li­chen Erkran­kun­gen wie Dia­be­tes oder Krebs lei­den. Erschre­ckend ist die nied­ri­ge Zahl derer, die pro­fes­sio­nel­le Hil­fe erhal­ten – obwohl die Wirk­sam­keit der Psy­cho­the­ra­pie bereits hin­läng­lich bewie­sen ist. Rund 50 Pro­zent der von Alba­ni et al. Befrag­ten gaben an, dass sich durch die Psy­cho­the­ra­pie ihre Arbeits­fä­hig­keit und ‑pro­duk­ti­vi­tät gestei­gert habe. Ähn­lich hoch wur­de die Bes­se­rung der sozia­len Fähig­kei­ten und Bezie­hun­gen bewer­tet. Bei bis zu 60 Pro­zent der behan­del­ten Pati­en­ten zei­gen sich deut­li­che Ver­bes­se­run­gen des see­li­schen Gesund­heits­zu­stands – und zwar anhal­tend und über das Ende der Behand­lung hin­aus. „Stu­di­en haben die beson­de­re Nach­hal­tig­keit psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Behand­lun­gen erwie­sen. Hier setz­ten wir uns von rein medi­ka­men­tö­sen Behand­lungs­stra­te­gi­en ab“, so Alba­ni.

Psy­chi­sche und psy­cho­so­ma­ti­sche Stö­run­gen ent­wi­ckeln gera­de im Zusam­men­spiel mit kör­per­li­chen Grund­er­kran­kun­gen eine beson­de­re Pro­ble­ma­tik und kön­nen sich wech­sel­sei­tig ver­stär­ken. Die dann not­wen­di­ge Ent­schei­dung dar­über, wel­che Behand­lung in die­sen Fäl­len die rich­ti­ge ist, kann der Fach­arzt für Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin tref­fen. „Hier kön­nen unse­re Fach­ärz­te in Kli­nik und Pra­xis die Auf­ga­be einer ers­ten leicht erreich­ba­ren Anlauf­stel­le wahr­neh­men. Kör­per­li­che, see­li­sche und auch sozia­le Aspek­te wer­den dabei berück­sich­tigt. Danach erfolgt die mög­lichst pass­ge­naue The­ra­pie­ver­mitt­lung“, so Pro­fes­sor Harald Gün­del, Ärzt­li­cher Direk­tor der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin und Psy­cho­the­ra­pie in Ulm.

Lite­ra­tur­an­ga­ben:

Alba­ni, C., Bla­ser, G., Gey­er, M., Schmut­zer, G., Gold­schmidt, S. & Bräh­ler, E.: (2009): Wer nimmt in Deutsch­land ambu­lan­te Psy­cho­the­ra­pie in Anspruch? Psy­cho­the­ra­pie Psy­cho­so­ma­tik Medi­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie, 59, 281 – 283.
Alba­ni, C., Bla­ser, G., Schmut­zer, G., Gey­er, M. & Bräh­ler, E. (2010): Ambu­lan­te Psy­cho­the­ra­pie in Deutsch­land aus Sicht der Pati­en­tIn­nen – Teil I Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on. 55, 503 – 514 .
Alba­ni, C., Bla­ser, G., Schmut­zer, G., Gey­er, M. & Bräh­ler, E. (2011): Ambu­lan­te Psy­cho­the­ra­pie in Deutsch­land aus Sicht der Pati­en­tIn­nen. Teil II: Wirk­sam­keit. 56, 51 – 60 .
Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les (Hg.). (2009): Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2007. Unfall­ver­hü­tungs­be­richt Arbeit. Ber­lin, Dort­mund, Dres­den: BMAS.
Mar­graf, J. (2009): Kos­ten und Nut­zen der Psy­cho­the­ra­pie. Hei­del­berg: Sprin­ger Medi­zin Ver­lag.
Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt: https://www.destatis.de
Witt­chen, H. U. & Jaco­bi, F. (2005): Size and bur­den of men­tal dis­or­ders in Euro­pe – a cri­ti­cal review and app­rai­sal of 27 stu­dies. European Neu­ro­psy­cho­phar­ma­co­lo­gy, 15, 357 – 376.

Kon­takt für Rück­fra­gen:
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