Wenn die Liebe belastet wird: Lustverlust im Liebesleben

Wenn die Liebe belastet wird: Lustverlust im Liebesleben

Sei­en Sie herz­lich will­kom­men, lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen.

Will­kom­men zur ers­ten werk­täg­li­chen Lin­dau-Ver­an­stal­tung mit der tau­fri­schen Bezeich­nung A1.

Da dür­fen wir ruhig ent­span­nen und bei Adam und Eva anfan­gen, fin­de ich.

Adam und Eva hat­ten es gut. Sie konn­ten ganz neu star­ten, weil sie noch nichts wuss­ten. Sie hat­ten noch kei­ne Wör­ter, um zu bezeich­nen, was los war zwi­schen ihnen. Das Wort Sexua­li­tät gibt’s erst seit 150 Jah­ren. Sie wuss­ten nichts von Lust, weil es das Wort auch nicht gab. Sexu­el­le Fan­ta­si­en konn­ten sie kei­ne haben, um sich in Fahrt zu brin­gen, weil sie als Mann und Frau noch nichts erlebt hat­ten. Und weil sie zu sehr mit­ein­an­der beschäf­tigt waren. Sie brauch­ten kei­ne gei­len Bil­der im Kopf oder im Inter­net.

Lust­ver­lust, die­ses char­man­te klei­ne Palin­drom, kam in ihrer Welt natür­lich nicht vor, gar nicht. Weder von hin­ten noch von vorn. Denn was man nicht hat, kann man auch nicht ver­lie­ren.

Heu­te, im 21. Jahr­hun­dert, hat sich gegen­über dem Para­dies eini­ges ver­än­dert, gewiss. Aber sobald sich Mann und Frau in die Nähe kom­men, ist es eigent­lich immer noch ähn­lich, wenn nicht genau gleich wie bei unse­rem Pro­to­ty­pen­paar Adam und Eva, neh­me ich an. Es ist doch alles ganz ein­fach, nah, weich und warm, stark und geheim­nis­voll. Und es duf­tet fein.

Alles ist da. Zum Grei­fen nah das zwei­same Sein. Unspek­ta­ku­lär, unauf­ge­regt. Es fehlt nichts, am wenigs­ten die Lust auf Lust. Die hat hier nichts ver­lo­ren. Es gibt nichts zu ver­lie­ren.

Jaja, unse­re Kli­en­ten­paa­re möch­ten uns gern vom Gegen­teil über­zeu­gen. Und es gelingt ihnen auch. Wir von der The­ra­peu­ten­li­ga sind ja wirt­schaft­lich dar­auf ange­wie­sen, dass es den Lust­ver­lust offen­bar eben doch gibt. Dass er sogar epi­de­misch am Gras­sie­ren sein soll. Die Welt­ge­sund­heits-Orga­ni­sa­ti­on WHO steht uns allen bei, unse­ren geplag­ten Paa­ren und uns, den ein­fühl­sa­men The­ra­peu­tin­nen. F52.0 heißt die kas­sen­pflich­ti­ge Leis­tungs­grup­pe in der ICD-10-Klas­si­fi­ka­ti­on psy­chi­scher Stö­run­gen: «Man­gel oder Ver­lust von sexu­el­lem Ver­lan­gen» steht hier.

Obwohl sie gar nicht para­die­sisch klin­gen, kann ich nicht umhin, Ihnen zwei der dazu­ge­hö­ri­gen dia­gnos­ti­schen Kri­te­ri­en vor­zu­stel­len. Ers­tens: «Der Man­gel oder der Ver­lust des sexu­el­len Ver­lan­gens äußert sich in einer Ver­min­de­rung von Suchen nach sexu­el­len Rei­zen, von Den­ken an Sex mit ent­spre­chen­dem Wunsch oder Ver­lan­gen und von sexu­el­len Fan­ta­si­en.»

Auf gut deutsch über­setzt könn­te die­ses Kri­te­ri­um so lau­ten: «Sexu­ell in Ord­nung bin ich, wenn ich aus­rei­chend Sex im Kopf habe.» Was aus­rei­chend ist, legen die Beam­ten bei der WHO fest.

Und hier das zwei­te dia­gnos­ti­sche Kri­te­ri­um. Ich zitie­re die ICD-10: «Der Man­gel an Inter­es­se, sexu­el­le Akti­vi­tä­ten ent­we­der mit einem Part­ner oder für sich allei­ne als Mas­tur­ba­ti­on zu begin­nen, führt zu einer ein­deu­tig nied­ri­ge­ren Häu­fig­keit, als unter Berück­sich­ti­gung des Alters und der Umstän­de zu erwar­ten wäre, oder die Häu­fig­keit ist im Gegen­satz zu frü­her deut­lich gesun­ken.»

Soll ich das auch über­set­zen? Ich versuch’s mal. «Sexu­ell gesund bin ich, wenn ich genü­gend häu­fig erfolg­reich Sex los­tre­te, sei es im Koitus- oder im Selbst­be­die­nungs­mo­dus.» Wie häu­fig das zu sein hat, bestim­men wie­der­um die WHO-Exper­ten.

Klingt alles ziem­lich absto­ßend am Mon­tag­mor­gen früh, ich geb’s ja zu. Aber es ist erst das

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