Burnout als Reaktion des gescheiterten Narzissten

Burnout als Reaktion des gescheiterten Narzissten

wenn alles schwimmt Burnout

Nar­ziss­ten sind wir alle, behaup­tet der Gerichts­psych­ia­ter und Autor Rein­hard Hal­ler im Gespräch mit dem Tages-Anzei­ger vom 18.5.2013 und deu­tet an, dass die nar­ziss­ti­sche Art und Wei­se in der Wirt­schaft beim Kampf um die höhe­ren Posi­tio­nen im Unter­neh­men sehr von Vor­teil sei. Viel Show und wenig Sub­stanz ist die fast unum­gäng­li­che Schluss­fol­ge­rung. Aber sind alle Nar­ziss­ten far­bi­ge «Luft­bal­lo­ne»? Kaum, denn wenn die Aus­sa­ge Rein­hard Hal­lers stimmt, dann müss­te es zahl­rei­che bur­les­ke, ver­deck­te, unschein­ba­re, graue Nar­ziss­ten geben, sagt er doch unter ande­rem: «Nar­ziss­mus hat vie­le Gesich­ter. Es gibt sozi­al sehr ange­pass­te Men­schen, die ihn in einer Nische mit enor­mer Exper­ti­se [Spezialistenwissen]ausleben. . Ande­re tar­nen sich als Welt­meis­ter der Beschei­den­heit.» Das sagt aber auch, dass wir nicht nur die spek­ta­ku­lä­ren Abstür­ze von Nar­ziss­ten aus höchs­ten Posi­tio­nen in Poli­tik und Wirt­schaft erle­ben, son­dern auch das Schei­tern von «beschei­de­nen» Nar­ziss­ten, die plötz­lich unter Druck gera­ten und ihre Beson­der­heit nicht mehr als wich­tig und unver­zicht­bar erle­ben müs­sen. Dies kann die Fol­ge von neu­en Tech­ni­ken, neu­en Orga­ni­sa­ti­ons­for­men oder ‑struk­tu­ren und neu­er Arbeits­pro­zes­se sein. Tat­sa­che ist, dass die betrof­fe­nen Nar­ziss­ten sich zuerst mit allen Mit­teln an ihre Posi­ti­on und ihre «Unent­behr­lich­keit» klam­mern, auf­grund dump­fer Ver­lustangst umtrie­bi­ge Akti­vi­tä­ten ent­fal­ten und schliess­lich in einem unüber­seh­ba­ren Arbeits­cha­os schei­tern. Ihre Neu­po­si­tio­nie­rung im Betrieb miss­lingt, sie wer­den zu Stör­fak­to­ren und bekom­men dies auch zu spü­ren. Das Bur­nout ist gebo­ren. Bur­nout als Reak­ti­on auf nar­ziss­ti­sches Schei­tern, denn wesent­li­che Ele­men­te der nar­ziss­ti­schen Exis­tenz wie auf­ge­so­ge­ne und fast sucht­mäs­sig geschlürf­te Bewun­de­rung und eine hin­ter­grün­di­ge «Selbst-Sucht» lösen sich in Nichts auf. Damit kann das ver­dräng­te Miss­trau­en des Nar­ziss­ten, näm­lich nicht um sei­ner Selbst wil­len geliebt zu wer­den, als Bur­nout mit viel­fäl­ti­ger psy­cho­so­ma­ti­scher Mischung zum Vor­schein kom­men. Das heisst, dass der psy­chi­sche Kom­plex des Bur­nout zwar ein nar­ziss­ti­sches Schei­tern ist, aber eigent­lich die reak­ti­ve Ant­wort einer Akzeptati­ons­neu­ro­se dar­stellt. Aus vie­len indi­vi­du­el­len Grün­den gilt es für den Nar­ziss­ten die­se zu ver­hin­dern, so dass das Bur­nout zusätz­lich eine Abwehr­funk­ti­on gegen die Neu­ro­se wahr­nimmt, d.h. schick­sals­ana­ly­tisch als eine Ich-Abwehr in Form der Nega­ti­on instal­liert wird. Damit trifft der Betrof­fe­ne zwei Flie­gen auf einen Schlag: er wehrt ers­tens mit dem Bün­del von sozi­al aner­kann­ten Bur­nout­sym­pto­men das Gefühl des Ver­sa­gens und der eige­nen Nich­tig­keit ab und kann sich der sozi­al aner­kann­ten «Krank­heit» wid­men und zwei­tens negiert er durch sei­nen Krank­heits­pro­zess das unter­grün­di­ge nar­ziss­ti­sche Auf­be­geh­ren. Trieb­psy­cho­lo­gisch im Sin­ne der Schick­sals­ana­ly­se wird dies ersicht­lich in dem sich das Abwehr-Ich als Sch – – in den Vor­der­grund schiebt und das nar­ziss­ti­sche Trieb­be­dürf­nis als Sch ++ als Hin­ter­gän­ger wei­ter lebt. Bur­nout als Abwehr des geschei­ter­ten Nar­ziss­ten gegen ein Auf­bre­chen der Akzeptati­ons­neu­ro­se und – noch gefürch­te­ter – gegen die von der Neu­ro­se weg­ge­schlos­se­nen exis­ten­zi­el­len Ent­täu­schun­gen des klei­nen Kin­des, näm­lich nicht ange­nom­men und nicht geliebt zu wer­den. Dem dar­aus resul­tie­ren­den fra­gi­len Selbst­wert­ge­fühl droht ohne neu­ro­ti­sche Bar­rie­re der per­ma­nen­te Zusam­men­bruch. Der psy­cho-funk­tio­na­le Nar­ziss­mus (wie wir ihn in Abgren­zung zum genui­nen Nar­ziss­mus bezeich­nen) ist die posi­ti­ve Ant­wort auf die lau­ern­de Akzeptati­ons­neu­ro­se. Bur­nout der Zusam­men­bruch die­ses exis­ten­zi­el­len Ver­suchs der Selbst­wert­sta­bi­li­sie­rung. Soweit eine Hypo­the­se zum gras­sie­ren­den Bur­nout. Dabei sei aus­drück­lich betont, dass damit die gesell­schaft­li­chen Fak­to­ren zum Auf­bau des nar­ziss­ti­schen Ver­hal­tens in kei­ner Wei­se ver­nied­licht wer­den sol­len, ganz im Gegen­teil: die heu­ti­gen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se in der Wirt­schaft und die gras­sie­ren­de «Pseu­do-Indi­vi­dua­li­sie­rung» sind wesent­lich an der herr­schen­den Viel­falt von nar­ziss­ti­schen Ver­hal­tens­wei­sen betei­ligt. Damit dürf­te sich eine drit­te Erschei­nung von Nar­ziss­mus, näm­lich ein aus sozio-öko­no­mi­sche Ver­hält­nis­sen ent­stan­de­ner Ich-Trieb­nar­ziss­mus instal­liert haben. Die­se The­se wäre auf jeden Fall einer wei­te­ren Prü­fung wert.

Alois Alten­we­ger
Buch zum The­ma: «Die Nar­ziss­mus­fal­le – Anlei­tung zur Men­schen- und Selbst­kennt­nis»
Eco­win-Ver­lag, Fr. 31.40