Glaubensfunktion

Glaubensfunktion

Die Schick­sals­ana­ly­se geht in der Bezie­hung der >Tie­fen­psy­cho­lo­gie zur Reli­gi­on nicht „umwer­tend“ son­dern „ergän­zend“ und somit „inte­grie­rend“ vor. Sie ergänzt die Freud­sche >Ich-Ana­ly­se mit der «Glau­bens­funk­ti­on» des Ichs. Glau­be ist für die Schick­sals­ana­ly­se eine beson­de­re Wei­se der mys­ti­schen >Par­ti­zi­pa­ti­on, also ein Schick­sal des ich­haf­ten Par­ti­zi­pa­ti­ons­stre­bens. Der Gläu­bi­ge wird vom Urstre­ben der Par­ti­zi­pa­ti­on getrie­ben, mit einer geis­ti­gen Instanz, die über­per­sön­lich und über­na­tür­lich ist, eins und gleich, ver­wandt und ver­eint zu sein. Die Par­ti­zi­pa­ti­on im Glau­ben ist mys­tisch, weil die Annä­he­rung des Men­schen an Gott mit dem Ziel der Ver­ei­ni­gung voll­führt wird. Sie ist posi­tiv, weil sie beja­hend ist, sie ist auch unun­ter­bro­chen, also perennis1. So kommt die Schick­sals­ana­ly­se zu fol­gen­der Bestim­mung des Glau­bens:


Glau­be ist eine posi­ti­ve, mys­ti­sche «par­ti­ci­pio peren­nis», in der sich das Ich [>Pon­ti­fex -Ich] mit einer geis­ti­gen Instanz ver­ei­nigt, auf die es die eige­ne All­macht über­trägt.


Der Glau­be ist somit eine Ich-Funk­ti­on. Die Geburt der Reli­gi­on wird durch die Exis­tenz des Ich bedingt. Ohne Ich gibt es kei­nen Glau­ben. Die All­macht­über­tra­gung auf den Geist stammt eben von dem Ich. Das Ich über­trägt ja im Glau­ben sei­ne eige­ne mit­ge­brach­te Macht zum Sein auf den Geist. Ohne die­se Ich-Funk­ti­on der All­macht­über­tra­gung auf die höchs­te geis­ti­ge Instanz gibt es kei­nen Glau­ben. Dies will natür­lich nicht sagen, dass die höchs­te geis­ti­ge Instanz an sich – d.h. ohne die [vom Ich ange­streb­te] Macht­über­tra­gung – nicht all­mäch­tig sei. Das ist bereits eine Fra­ge, die die Theo­lo­gie zu lösen hat. Durch die All­macht­über­tra­gung gelingt es dem Ich, eine ewi­ge Par­ti­zi­pa­ti­on zu erlan­gen, mit die­sem Geist eine dia­lo­gi­sche Begeg­nung im Sin­ne Mar­tin Bubers zu erle­ben. (Text nach Szon­di, Ich-Ana­ly­se, Kapi­tel: „Das Ich und der Glau­be“, S. 509 ff.)


Wir stel­len fünf Bedin­gun­gen der geis­ti­gen Glau­bens­funk­ti­on auf:


1. die Exis­tenz der höchs­ten geis­ti­gen Instanz;


2. die Exis­tenz des Ich;


3. die Eröff­nung die­ses Ich nach oben zum Geist;


4. die All­macht­über­tra­gung des Ichs auf den Geist;


5. die Ver­wirk­li­chung der posi­ti­ven Par­ti­zi­pa­ti­on mit dem Geist im Leben und Ver­hal­ten.


Fehlt eine die­ser Bedin­gun­gen oder wird nur eine die­ser bedin­gen­den Exis­ten­zen von dem Ver­stand in Zwei­fel gezo­gen, so ist die Glau­bens­funk­ti­on gestört.


Quel­le: Ich-Ana­ly­se 1999, S. 31




1. peren­nis: Der Begriff wur­de im 16. Jahr­hun­dert vom ita­lie­ni­schen Bischof Augus­ti­nus Steu­chus geprägt. In sei­nem Buch De peren­ni phi­lo­so­phia libri X (Lyon, 1540) bezeich­net die Phi­lo­so­phia peren­nis „die­je­ni­gen Grund­wahr­hei­ten, die bei allen Völ­kern zu allen Zei­ten vor­han­den sein und zusam­men die eine Wis­sen­schaft aus dem einen Prin­zip (Gott) aus­ma­chen sol­len.“


Die heu­ti­ge Bedeu­tung des Begrif­fes wur­de beson­ders von Leib­niz geprägt. Er ver­stand sei­ne Bei­trä­ge zur Phi­lo­so­phia peren­nis als einen zeit­ge­mä­ßen Aus­druck ewi­ger und uni­ver­sa­ler Geist- und Natur­ge­set­ze. Ewi­ge Wahr­hei­ten wer­den sei­ner Auf­fas­sung nach nicht ent­wi­ckelt, son­dern sind von „den Alten“ schon voll­stän­dig aus­ge­drückt wor­den. Auf­ga­be der Phi­lo­so­phia peren­nis in die­sem Sinn sei es, die Gemein­sam­kei­ten der Wei­sen, Pro­phe­ten und Mys­ti­ker zu allen Zei­ten und in allen Kul­tu­ren her­aus­zu­ar­bei­ten und zeit­ge­mäß zu formulieren[1]. Als Ver­tre­ter der Phi­lo­so­phia peren­nis in die­ser Tra­di­ti­on wer­den auch die Phi­lo­so­phen Baruch Spi­no­za und Gior­da­no Bru­no bezeich­net.


Ver­tre­ter der Neu­scho­las­tik der katho­li­schen Kir­che sahen Ende des 19. Jahr­hun­derts die „ewi­gen Grund­wahr­hei­ten“ schon in der Syn­the­se der pla­to­ni­schen und aris­to­te­li­schen Phi­lo­so­phie, der christ­li­chen Offen­ba­rungs­leh­re sowie der Leh­re vom Logos durch Tho­mas von Aquin voll­stän­dig beschrie­ben. Die Phi­lo­so­phia peren­nis wird hier somit als ein dog­ma­ti­sches Lehr­ge­bäu­de der scho­las­ti­schen „Ver­nunft­re­li­gi­on“ ver­stan­den (vgl. auch Natür­li­che Theo­lo­gie).


Quel­le: Wiki­pe­dia

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