Introjektion

Introjektion

Introjektion im Ich-Trieb

Beispiel einer psychischen Störung aus dem Bereich «Introjektion» des Ich-Triebs. Introjektion ist die Bezeichnung für die Einverleibung von Objekten, der Besetzung von Beziehungen und Bezugspersonen sowie der Sammlung von Gütern, Wissen und Macht.

Fallgeschichte von Leopold Szondi:

Ein 45jähriger, lediger Sprachlehrer leidet an einer schweren Depression. Sie stellte sich nach einer Liebesenttäuschung von zwei Jahren ein. Seine Verlobte, die vorher stets zärtlich und hingebend zu ihm war, änderte plötzlich ihr Verhalten. Sie wurde zu ihm aggressiv, anklagend, sie erniedrigte ihn. Dann verliess sie ihn und heiratete einen anderen Mann.

Der Schlag entriss dem Lehrer den Boden seines Daseins. Er fühlte sich wie ein Kind, entwurzelt und verlassen; jammerte den ganzen Tag, verkroch sich in sein Zimmer, konnte nicht arbeiten und begann sich selbst anzuklagen, wie die verlorene Braut es vor der Trennung tat: «Er sei kein Mann, er sei zur Liebe, zur Ehe völlig unfähig» und so fort. Er traute sich nicht mehr, unter den Menschen zu erscheinen, da er ein «Nichts», ein «Jammervogel», sei, und entwickelte Selbstmordgedanken. Der Zustand dauerte etwa zwei Jahre lang, bis er sich endlich entschloss, den Psychiater zu konsultieren. In diesem Fall sind die Schritte des von Freud entwickelten Mechanismus der Melancholie klar ersichtlich:

  1. Der Lehrer hatte sich an eine Frau libidinös gebunden.
  2. Diese Objektbesetzung wurde vor zwei Jahren durch eine Enttäuschung erschüttert.
  3. Er hat nun das verlorene Objekt dem Ich einverleibt, d.h. das Bild der Braut in seinem Ich wieder aufgerichtet.
  4. Da er aber die Introjektion der Braut in einer Phase durchführte, in der sie sich zu ihm aggressiv, anklagend, abschätzig verhielt, identifizierte er sich fortan nur mit diesem Bild der verlorenen Braut und wandte seinen Sadismus gegen seine eigene Person. Er klage sich selbst mit den gleichen Worten an, mit denen es die Braut vor der Trennung getan hatte. Da sie ihn zum Schluss der Beziehung hasste, hasste er sich fortan selbst. Die narzisstische Identifizierung trat somit durch die Introjektion an die Stelle der ihn hassenden, anklagenden und erniedrigenden Braut, also an die des verlorenen Objektes. (Ich-Analyse, S. 198)

Kommentar Szondi:

Ausschlaggebend für das Schicksal des einzelnen ist natürlich die seelische Augenblickslage, also die «Szenerie», der «seelische Schauplatz», in dem die Abtrennungszene  sich abgespielt hat.  Der Umstand also, ob die introjizierende Person im Augenblick der Abtrennung in einer Liebes- Hassbeziehung zum Objekt stand, ob sie von dem sich abtrennenden Objekt zu dieser Zeit liebevoll odersadistisch behandelt wurde, ferner ob die introjizierende Person selbst das Objekt im Moment der Abtrennung misshandelt oder liebkost hat, ob sie erregt war und was sie augenblicklich erregte. Alle diese augenblicklichen Szenenbilder und Erregungen sind ausschlaggebend für das Schicksal des Einzelnen.

Denn: der Introjektionsapparat «fixiert» diese Augenblickszenerie, diese momentanen Erregungen, und die Person sucht zwanghaft und unbewusst immer wieder, diese «fatale» Augenblicksszene mit allem Zubehör zu wiederholen.

Wenn zum Beispiel das Liebesobjekt in dem Augenblick des Hasses verloren und einverleibt wird, dann entsteht ein «Hass-Objektbild». Infolge dieser einverleibten «Hassbilder»  sucht der Introjizierende fortan ausschliesslich solche Objekte, von denen er selbst gehasst, gepeinigt, entwertet, erniedrigt wird. Daher der Masochismus auch bei der Melancholie. (Ich-Analyse, S. 200)

Konklusion Szondis für den/die AnalytikerIn:

  1. Komplexbildende Erlebnisse und Szenen werden vorerst ad hoc introjiziert und erst nachher verdrängt.
  2. Vermutlich geht eine ad-hoc-Introjektion den meisten Verdrängungen voraus. Diese Behauptung will natürlich die krankmachende Bedeutung der Verdrängung nicht schwächen, sondern [im Sinne einer zusätzlichen Verdrängungsquelle] nur ergänzen.
  3. In der psychoanalytischen Therapie sollte man darauf achten, den Entstehungsweg des Komplexes analytisch umzukehren. Das will sagen: das Verdrängte vorerst in die Phase der ad hoc entstandene Identifizierung zu zerlegen und auf diesem Weg die Bewusstmachung zu Introjektionen.
  4. Komplexbildungen sind fast alle primäre, persönliche Ad-hoc-Introjektionen.
  5. Vermutlich können bestimmte Charakterzüge – genau wie Komplexe – auf ad-hoc-Introjektionen in der Jugend zurückgeführt werden.
  6. Die Starrheit der Bilder, die durch ad-hoc-Introjektionen entstehen, verursachen die Fixationen und die oft unüberwindbaren Schwierigkeiten in der Auflösung bestimmter Komplexe, Perversionen und Charakteranomalien. (Ich-Analyse, S. 203)